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Wiederauferstehung durch Vernichtung?
Ein Essay von Arael

Warum will die Organisation „Seele“ eigentlich die ganze Welt zerstören, um sie auf einer höheren Ebene wieder auferstehen zu lassen? Wie kommen die auf solche Gedanken? Haben die zu viel Si-Fi-Filme gesehen? Mitnichten.

Die Logik des <Death and Rebirth>, also der vollkommenen Vernichtung, damit neues, besseres entstehen kann, begleitete die Diskussionen um Menschheit und Gesellschaft durch die Jahrhunderte. Heute als Stoff für Si-Fi war die Vorstellung des <Death and Rebirth> in einigen Teilen Europas noch bis Ende des 19. Jahrhundert eine in Gelehrtenkreisen durchaus angesehene Vorstellung. Wie kam es dazu?

Bis zu jener Zeit herrschte ein völlig anderes Menschenbild: Es gab eine Führungselite, die durch Religion zum Herrschen bestimmt war und der der <göttliche Plan> offenbart wurde. Das musste nicht immer der König sein, sondern konnte auch eine versteckt agierende Gruppe sein, ähnlich wie <Seele>. Die göttliche Legitimation bewarte sie vor Zweifel an ihnen. Auf der anderen Seite stand das einfache Volk. Es war ebenso göttlich zum arbeiten, beten und Steuern zahlen verdonnert. Zwar war die Sklaverei abgeschafft, aber das einfache Volk hatte kaum mehr Ansehen in Führungs- und Gelehrtenkreisen, es war also kein Verbrechen, es um einer Neuordnung wegen zu beseitigen, so der <göttliche Plan> das vorsah. Philosophische Gelehrte lieferten die offizielle Legitimation dazu.

Eines jedoch gestanden bereits damalige Gelehrte dem einfachen Menschen zu: Dass er eigene Ideen und Gedanken hat, welche von außen kaum oder gar nicht beeinflussbar sind. Dies wird in auch in Evangelion angesprochen: In der Abstiegsszene in Folge 24 beschreibt Kaworu das AT-Field als die Seele eines jeden Menschen, in die niemand eindringen kann. Diese <Seele eines jeden>, ist der Mensch in seinem tiefstem Inneren, seine Weltanschauung, sein Charakter, seine Wünsche und Träume, all die Eigenschaften, die jeden zu dem machen, was er ist. Und viele Sozialforscher gehen heute immer noch davon aus, dass diese Seele tatsächlich größtenteils unveränderbar ist, was auch stimmt.

Hier setzt die Vorstellung des <Death and Rebirth> an: Wenn man Menschen nicht nach seinem Willen verändern kann, müssen sie vernichtet werden, um all das Wissen und die Gedanken, eben die Seele, zu vernichten, die man auch durch Überzeugungsarbeit nicht beseitigen kann. Diese perfide Vorstellung kann dann durchgesetzt werden, wenn es eine uneingeschränkte Machtorganisation gibt, gegen die man sich nicht auflehnen kann und wenn allgemein ein Menschenbild existiert, in der der einfache Mensch nichts Wert ist, sondern er seine Beseitigung als <Schicksal> hinnimmt. <Seele> ist so ein Fall: Der Normalbürger kennt sie nicht, trotzdem beherrscht sie die Welt und vom einfachen Menschen hält <Seele> nichts. Im Gegenteil: Wie schon der Name <Human instrumentality project> ausdrückt, ist der Mensch bestenfalls nur Instrument, aber kein vollwertiges Individuum. Und die <Wahrheit> erkennen kann er auch nicht, sondern eben nur <Seele>, die sich für die Verkörperung der unumstößlichen Wahrheit hält.

Solche menschenverachtenden Ideen sind, wie gesagt, nicht neu. Bereits um 1550 empfahl ein Philosoph namens Machiavelli seinem König: <Du musst ein erobertes Land zunächst vernichten, dann neu aufbauen, denn die Bewohner werden dich als Eroberer nie akzeptieren. Die Seele des Volkes wird dir immer feindlich gegenüberstehen, nur mit einem Übermaß an Gewalt kannst du sie für einige Zeit kontrollieren, doch nur Vernichtung und Neuaufbau sichern dir deinen Sieg>.

Einige Jahre später in den Wirren von Reformation und Gegenreformation, 1620, brachte ein englischer Staatstheoretiker und Philosoph namens Bacon eine Utopie heraus, in der er auf der Insel <Utopia> (die nicht zufällig England gleicht) eine neue Gesellschaft errichten wollte. Diese sollte sich zunächst dort abschotten um dann, wenn der Rest der Welt <gereinigt> ist, eine völlig neue Zivilisation aufzubauen. Hier sind einige Parallelen zur biblischen Sintflut durchaus gewollt.

Auch die Revolutionen des 18./19. Jahrhunderts, allen voran die französische, trugen Gedanken des <Death and Rebirth>. Überzeugungsarbeit war nicht ihr Ding, dafür die Logik Revolution = Vernichtung + Neuaufbau. Daher waren sie auch so brutal, allein in Frankreich starben von 1789-1793 hunderttausende Menschen durch sogenannte Säuberungsaktionen der diversen Revolutionskomitees, danach wurde dem Rest von Europa der Krieg erklärt, den Napoleon zunächst erfolgreich durchführte (auch wenn dieser mit den Revolutionszielen nichts zu tun haben wollte, sondern Machthungrig war). Und die Geisteswissenschaften jubelten dazu.

Seit dem letztem Jahrhundert gehören zumindest in den Wissenschaften Überlegungen der Vernichtung von Menschen, die man nicht ändern kann, der Vergangenheit an, von einem Rückfall zu rassistisch-großdeutschen Zeiten abgesehen. Glücklicherweise ist jeder einzelne Mensch heute in Europa etwas Wert. Außerdem hat man noch etwas anderes erkannt, was Kaworu ebenfalls in der Abstiegsszene andeutet als er meint, dass den Menschen die Zukunft gehört.

Eine <Idealzukunft> nach einer Wiedergeburt ist gestaltet nach dem Willen einzelner, z.B. nach den Vorstellungen von <Seele>. Diese glaubten sich zu diesem Schritt berechtigt, da die verschiedenen, nicht auf einen Nenner zu bringenden Einzelmeinungen vieler Menschen nur Krieg und Hass erzeugen würden. Dass der <Mensch dem Menschen ein Wolf sei> war von 1650, als ein Staatstheoretiker namens Hobbes dieses Satz formulierte, in der Psychologie sogar bis etwa 1950 gängige Ansicht. Erst danach erkannte man, dass Menschen ihre Zukunft auch selbst gestalten können. Mehr noch: Durch Gewalt kann man zwar Menschen in eine bestimmte Gesellschaftsform zwängen, aber dies kann nicht dauerhaft funktionieren, selbst wenn man zuvor vermeintlich alles vernichtet. Hier kommt das AT-Field, oder die unantastbare Seele eines jeden Menschen zum tragen, in dem er alle seine Wünsche, Träume und Erinnerungen, ebenso wie seinen Überlebenswillen aufbewahrt. Genauso wie am Ende von <End of Evangelion> Eva 01 außerhalb des Globus weiterexistiert, wird die vollständige Vernichtung nie möglich sein, solange, wie in <End of Evangelion> richtig gesagt, auch nur eine Seele weiterexistiert, symbolisiert durch Eva 01.

Ich denke Kaworu wird sich dessen am Ende der Abstiegsszene bewusst. Menschen gehört die Zukunft, sagt er, Menschen brauchen Zukunft, aber eine, die sie selbst gestalten können, und keine aufgesetzte. Er distanziert sich damit von seine vorangegangenen Aussage über das <Schicksal> der Menschheit. Denn grade aus dem Willen dieser so sturköpfigen <Seele des Menschen> besteht die Zukunft. Alles Handeln und Denken geschieht aus ihr heraus. So sehen es auch heutige Sozialwissenschaften: Wenn Menschen den Willen haben, die Zukunft positiv zu gestalten, dann wird das auch durchgeführt. Kompromisse kann man schließen, wenn man es will. Und wenn sich die Menschheit zerstören will, dann ist das ihr Wille. <Schicksal> gibt es nicht und damit auch keinen <göttlichen Plan>. Ich denke, darum lässt sich Kaworu auch am Ende von Folge 24 vernichten. Er will nicht Handlanger des perfiden Plans des <Third Impact> werden, der eben kein Schicksal oder Vorhersehung ist, sondern gegen den Willen der Mehrheit von <Seele> konstruiert wurde. Und hier muss ich auch mal eine Lanze für Gendo Ikari brechen: Immerhin steht er <Seele> kritisch gegenüber und sagt in <End of Evangelion>, dass der Tod, also die Vernichtung nichts bringt, während <Seele> weiterhin davon überzeugt ist, dass in der Vernichtung eine Chance liege. Zum Glück ist Kaworu am Ende gescheiter, auch wenn das seinen Tod bedeutet:

Engel und Menschen sind verschieden. Zu verschieden. Misato stellt das in <End of Evangelion> fest. Menschen haben eine Seele, ihr AT-Field, aber auch einen Willen, Verstand, welcher die Seele bändigen kann. Das ist für Kompromissfindung unbedingt notwendig. Engel haben offenbar nur ihre Seele, die sie wie ein Instinkt leitet. Kaworu scheint zumindest begrenzt einen Willen zu haben, und so fürchtet er am Schluss seine Seele und lässt sich auslöschen, bevor er die Möglichkeit hat, die Menschheit zu vernichten.

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