Dunkel ist es, steht die Zeit?
Keine Seele weit und breit...
Was mach ich hier an diesem Ort?
Kann ich hier nicht einfach fort?
Ein Pfad ist deutlich gar zu sehn,
doch will ich wirklich auf ihm geh`n?
Viele sind auf ihm gegangen -
alle wurden sie gefangen.
Denn ist der Weg auch noch so breit,
er endet in Unmündigkeit
Bleich funkelte der Mond am dunkelblauen Nachthimmel, welcher sich einer umfassenden Decke gleich über die Erde zu senken schien. Kein Stern stand am Firmament und die kleine Lichtung lag einzig im Licht des erhabenen Vollmondes, der sie in zarte Silbertöne tauchte. Kein Vogel sang sein leises Klagelied von der Verdammnis der Erde und auch die schrecklich lauten Geräusche der Menschen, die sich mit ihren Freunden zu kleinen Gruppierungen zusammengeschlossen hatten, um den Beginn eines neuen Jahres voller Ungewissheit zu feiern, waren weit in der Ferne verklungen. Sie war in diesem Moment allein unter unter einem unendlichen Himmel, an dem der volle Mond wie ihr Schutzengel stand und ihr Leben überblickte, und sie fühlte sich unglaublich gigantisch, denn selbst wenn sie durch eine andere leere Hülle ersetzbar war, so war sie in diesem Moment doch größer als alle Menschen; und dieser Moment wurde vom Augenblick zur Ewigkeit, sodass immer ein Stück von ihrer Seele in der nachtklaren Atemluft wie eine von diesen unendlich vielen, unschuldigen Schneeflocken schweben würde; gleichgültig, ob sie durch eine andere ersetzt wurde, morgen bereits wieder gegen die Armee eines perfiden Gottes kämpfte oder in Frieden in einem schmalen, dunklen Grab vor sich hin moderte und von Maden zerfressen wurde.
Emotionslos starrten ihre roten Augen zu dem schlicht und ergreifend einfach nur wunderschönen Planeten am Himmel, dessen liebkosende Stimme sie mit ihrer Seele durch die kalte Nacht wispern hörte. Sie wusste nicht, weswegen oder wodurch ausgelöst, aber seitdem sie die mit klebriger, grüner Flüssigkeit angefüllten LCL-Röhren zum ersten Mal verlassen hatte, empfand sie eine unerklärliche Affinität zu dem bleichen Himmelskörper, der sie schon durch viele einsame und kalte Nächte begleitet hatte. Nachdenklich drehte sie den Kopf ein wenig zur Seite und schloss ihre Arme um die bleichen Unterschenkel, die nur ansatzweise von einem dunkelblauen, samtenen Kleid bedeckt waren. Der Major hatte ihr dieses nach dem Kampf gegen Ramiel mit den Worten, dass sie sich diese Belohnung reichlich verdient habe und es ja einmal Shinji vorführen könne, mit einer großen, aber mit mehr gutem Willen als Können gebunden Schleife geschenkt, doch sah sie weder Sinn darin, für ihre tägliche Arbeit Belohnungen zu erhalten, noch verstand sie, warum sie das Kleid ausgerechnet dem Third Children zeigen sollte. Was hätte er davon?
Third... Pilot Ikari. Auch wenn er es sich nicht selbst eingestehen wollte, ähnelte er seinem Vater mehr als seiner Mutter. Damals, nach dem Kampf gegen den riesigen Engel des Donners, hatte sie ihn mit dem Kommandanten verwechselt. Die gleichen Gesichtszüge, die gleichen Augen, der gleiche, vor panischer Furcht verzerrte Mund... Aber für den Kommandanten war sie nichts als ein ersetzbarer Besitz - wer sagte ihr eigentlich, dass sie dem jungen Ikari etwas bedeutete und in seinen Augen nicht auch nur ein nettes Spielzeug war? Oder vielleicht sah er auch nicht sie, sondern seine verstorbene Mutter in ihr, sie war schließlich nach dem Ebenbild und aus den Genen Yui Ikaris geformt. Konnte es das sein? Und doch... diese Worte, damals, nach dem Kampf gegen Ramiel...
"Rei", hatte er müde und erlaucht gewispert und sein Blick war vom erdigen Waldboden zum bleichen Mond am Himmel gewandert, während sie sich mit dem Gewicht ihres gesamten Körpers auf seine linke Schulter gestürzt hatte, "sag beim Abschied nicht mehr so etwas Trauriges wie "Leb wohl". Im Moment können wir vielleicht nichts anderes tun als die EVAs zu steuern, aber... wenn wir es überleben... kommt sicher eine Zeit, in der wir denken, es ist gut zu leben!" Er hatte ihr kurz, aber ungewohnt ernst in die roten Augen und dann wieder zum Mond hinauf geblickt, und sie hätte viel dafür gegeben, in diesem Moment die Pfade zu kennen, auf welchen sein Geist wandelte. Was war es, das Third... nein, er war mehr als ein durch irgendeinen PC ausgewähltes Kind, das ihr Pilot Ikari sagen wollte?
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Zaghaft wandte Rei den Kopf, als sie die Vibration ungeschickter Schritte auf dem Boden spürte und einen schwachen Windhauch in ihrem Rücken registrierte. Das Third Childr... - nein, Pilot Ikari - hatte die Lichtung betreten und blickte schweigend zum großen, bleichen Mond auf, doch schien sein Blick in weite Fernen entrückt zu sein. Sollten sie wieder angegriffen worden sein und ihn geschickt haben, um sie zum Hauptquartier zu holen? Sie hatte ihr Mobiltelephon zu Hause liegen lassen, wie sollte sie dem Kommandanten erklären, dass sie im Notfall nicht rechtzeitig reagiert hatte? Oder konnte es gar sein, dass Ikari gar nicht wegen eines Engels hier war, sondern... sondern... sondern aus dem gleichen Grund, aus dem auch sie an dem letzten Tag dieses Jahres in einem dunklen Kleid auf der Lichtung saß und gen Himmel stierte? Doch was war dieser Grund eigentlich außer einem Gefühl der Großartigkeit, der unglaublichen Leere in sich selbst und ihre Verbindung zur Mutter aller Sterne?
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Verwirrt blickte Rei zur Seite. Warum antwortete Shinji nichts mehr? Seine rehbraunen Augen blickte verloren in den Himmel, während er seine Lippen zu einem schmalen Strich zusammenpresste. Hatte sie etwas Falsches gesagt? Sie hatte ihn nicht treffen oder verletzen wollen, sie hätte wissen sollen, dass er nicht in der psychischen Konstitution zu solchen Erklärungen war; außerdem war es letztlich gleich, auf welche Art und Weise man sich freute, da es sich im Endeffekt doch um nichts als das Freisetzen irgendwelcher Hormone handelte.
Plötzlich verschränkte Shinji seine Hände hinter dem Kopf und ließ sich auf den mit einer dünnen Schneeschicht bedeckten, kalten Boden fallen, während sein Blick weiterhin am bleichen Vollmond über der ruhigen Nacht haftete. "Ach Rei", seufzte er und schloss die Augen. "Glücklich sein, Freude empfinden... Viele Menschen halten sich für glücklich, wenn sie im Besitz vieler Wertsachen sind, wenn sie viele Freunde haben. Als ich noch ein Kind war und bei meinen Verwandten lebte, hatte ich mir immer ein Fahrrad gewünscht, doch sie hatten mir niemals eines geschenkt. Irgendwann hatten alle meine Freunde eins und ich wollte unbedingt dazugehören, sodass ich mir eines genommen habe, das ohne Kette oder Sicherung an einer knorrigen Eiche am Waldrand gelehnt hatte. Als mein Onkel den Diebstahl mitbekam..." Er schluckte kurz, während sein Blick weiterhin apathisch in die Ferne entrückt war. "Aber dies ist kein wahres Glück, kein Besitz auf der Welt kann einen Menschen glücklich machen, sondern ihm höchstens eine Illusion der Freude bereiten, die auf Beliebtheit und Ansehen beruht. Ich bin immer dann glücklich, wenn ich mit Freunden zusammen bin... Misato ist für mich zwar nicht zu einer zweiten Mutter, aber einer großen und zugegebenermaßen recht chaotischen, aber dennoch liebenswürdigen Schwester geworden. Oder auch Toji und Kensuke, sie sind meine ersten richtigen Freunde, denen ich vertrauen und mit denen ich Spaß haben kann . Selbst Hikari..."
Rei blickte ihn durchdringend mit ihren roten Augen an. "Hikari Horaki? Die Klassensprecherin?" Shinji nickte kurz. "Ja, sie sind alle zu einem unersetzbaren Teil in meinem Leben geworden. Auch Asuka nimmt mittlerweile einen festen Platz in meinem Herzen ein, obwohl sie sich immer die größte Mühe gibt, dieses zu zerstören. Aber sie ist nicht so, wie sie immer auf den ersten Blick scheint, tief im Innersten sucht auch sie nur nach Liebe und Anerkennung."
Rei zog sie Augenbrauen hoch. Was hatte das rothaarige Mädchen mit Shinjis Gefühlswelt zu tun? Bedeutete sie ihm etwas oder fand er sie vielleicht sogar attraktiv und war, wie ihr der Major solches Gebären einmal grinsend erklärt hatte, in sie verliebt? "Was hat Second mit dieser Angelegenheit zu tun?"
"Second, Second...", sagte Shinji und richtete sich auf, um sich zu ihr umzudrehen und ihr ins Gesicht zu blicken. "Rei, wir sind keine Gegenstände, die sich durchnumerieren und anschließend bei ihrer Ziffer nennen lassen. Wir sind lebende, fühlende Wesen, wir sind Menschen und jeder von uns ist einzigartig, selbst du, Rei, jeder von uns hat seinen Willen, seine Ziele und zuletzt seine Gefühle. Asuka ist genauso Teil meines Lebens wie Misato oder mein Vater, wenn auch nicht immer ein angenehmer. Aber wir lernen aus Erfahrungen und Enttäuschungen machen uns nur stark. Rei-chan, auch du bist zu einem unglaublich wichtigen Teil meines Lebens geworden, du bist für mich unendlich viel mehr als nur der Pilot eines humanoiden Roboters."
Wie erstarrt blickte Rei den schmächtigen Jungen an, als er ihre bleiche Hand ergriff und zwischen seine eigenen nahm.
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Shinji wusste nicht, warum er dies tat, aber er nahm Reis Hand zwischen seine und streichelte ihr sanft lächelnd über die zarten Finger, während die Worte ohne sein Zutun aus ihm heraussprudelten. "Du bist für mich wie ein Teil meiner Seele, der mir vor viel zu langer Zeit entrissen wurde. Ich liebe dich, Rei-chan, ich liebe dich über alles." Noch immer milde lächelnd legte er ihr seinen Zeigefinger über die schmalen Lippen und schüttelte zaghaft den Kopf. "Nein, sag jetzt nichts, morgen kannst du wieder schreien und kämpfen, wenn die Welt vor ihrem Untergang steht. Aber heute, Rei-chan, heute lass uns einfach nur glücklich sein.
Im Moment können wir vielleicht nichts anderes tun als die EVAs zu steuern, aber... wenn wir es überleben... kommt sicher eine Zeit, in der wir denken, es ist gut zu leben, Rei-chan. Es mag zwar noch lange dauern, aber bis dahin lass uns weiterleben. Auch auf einem finsteren Weg, auf dem es nichts gibt, kann man zu zweit vielleicht etwas Schönes entdecken... wie den Mond dort oben am Himmel."
Epilog: Lange, lange Zeit noch standen zwei Kinder unter einem bleichen Vollmond, welcher am nachtschwarzen Himmel schwebte, bis schließlich die erste große Feuerwerksrakete in der Innenstadt Neo-Tokyos angezündet wurde und mit pompösen Lärm gen Himmel flog. Kurz bevor er das erhabene Nachtgestirn erreichen konnte, explodierte der Feuerwerkskörper vor dem dunkelblauen Hintergrund und ließ glitzernden Silberstaub zu Boden regnen.
...Und so kam es immer wieder selbst in Zeiten des absoluten Grauens vor, dass sich zwei einsame Seelen fanden und für wenige, flüchtige Augenblicke glücklich wurden, alles um sie herum vergaßen und die Welt veränderten...
Ende