Kapitel 1 – Kenny und die Army
Es waren inzwischen 10 Jahre vergangen. Kenny saß in einem Büro und studierte das Kartenmaterial über sein nächstes Einsatzgebiet. Nach seinem einschneidenden Erlebnis hatte er die Schule fertig gemacht und bat seine Eltern, ihn auf die Militärakademie gehen zu lassen. Nach ewigem Bitten und Betteln sagten sie schließlich und endlich ja. Schon im ersten Ausbildungsjahr merkten seine Lehrer, dass Kenny überdurchschnittlich gebildet war, was das logische Denken, das austüfteln von Strategien, das erfassen von Situation und deren richtige Bewältigung sowie seine körperliche Fitness. Auf Grund dieser Kenntnisse ließ es sein Kommandeur zu, dass er zwei Klassen übersprang und kurz darauf in eine Einrichtung für überbegabte Leute versetzt wurde. Dort wurden seine bisherigen Kenntnisse noch um einiges gesteigert. Danach begann die Grundausbildung, die Kenny mit Auszeichnung meisterte. Somit stieg er gleich mit einem höheren Rang ein und fing an sich hoch zu arbeiten. Dies war allerdings etwas, was ihn einiges an Zeit kostete. So ganz nebenbei machte er noch den Pilotenschein, Tauchschein, Führerschein, Panzerführerschein und Hubschrauberschein. Dazu eine Ausbildung im Umgang mit speziellen Waffen und eine Spionageausbildung. Als ihm danach nichts mehr einfiel, meisterte er noch schnell eine Anti-Terror Ausbildung, was allerdings lachhaft gegen das war, was er zuvor schon geleistet hatte. Vielleicht war das der Grund bzw. auf jeden Fall Grund genug um ihn zu einer Spezialeinheit zu versetzten. Gut, versetzten konnte man das nicht nennen, denn zu diesen Leuten konnte man nicht versetzt werden, man wurde von ihnen angefordert oder gefragt, ob man ihnen beitreten wollte. Die Merchaneries. Das Wort Merchanery selbst bedeutet eigentlich nichts anderes als „Söldner“. Nur waren das nicht irgendwelche Söldner. Es war eine internationale Spezialeinheit, die aus Leuten aller Kontinente zusammengesetzt war. Nur die Besten der Besten konnten dort aufgenommen werden, oder solche, die das Zeug hatten zu den Besten der Besten zu werden und es hatte den Anschein, als ob man Kenny das zutraute. Er war auf jeden Fall mehr als begeistert davon. Allerdings musste man für die Mitgliedschaft mindestens 4 Sprachen perfekt beherrschen. Man reservierte Kenny einen Fixplatz in der Einheit, damit dieser ungestört dieses Versäumnis nachholen konnte. Also lernte Kenny auch noch (da Englisch ja eigentlich seine Muttersprache war) Französisch, Italienisch, Spanisch und Deutsch, was ihn wieder fast 2 Jahre kostete. Danach wurde er allerdings in allen Ehren aus dem Dienste der US Army entlassen und wurde in das geheime Hauptquartier der Merchaneries gebracht. Dieses lag tief auf dem Meeresgrund irgendwo im Atlantik unter einer Kuppel, die ganz aus Glas zu bestehen schien. Kenny staunte nicht schlecht. Trotzdem schien es so, als würde er als einziger aufgenommen werden. Man steckte ihn in ein Zimmer und sagte ihm, er hätte 3 Tage Zeit um die 20 grundlegenden Regeln der Merchaneries auswendig zu lernen. Danach würde er über diese geprüft werden. Es war die einzige Aufnahmebedingung und Kenny wollte dieser Truppe unbedingt angehören.
Auszug aus den Regeln der Merchaneries:
Regel 1: Ein Merchanery über allen anderen.
Regel 2: Wir kämpfen für Recht und Gesetz!
Regel 3: Wir helfen allen die in Not sind!
Regel 4: Wir kennen keine Unterschiede in Rasse, Religion oder Nationalität.
Regel 5: Unsere Einheit ist unser Leben! Werde ich von der Truppe abgetrennt habe ich der Einheit trotzdem alle Ehre zu machen und ihre Regel zu befolgen.
Regel 6: Wir lassen niemanden zurück und kämpfen bis zum bitteren Ende.
Regel 7: Der Tod ist Sicher, das Leben nicht!
Regel 20: Merchaneries never die! They just go to Hell zu Regroup! (Merchaneries sterben nicht! Sie fahren nur zu Hölle um sich neu zu formieren!)
Kenny saugte diese Regeln richtiggehend in sich auf. Er lernte sie rauf und runter, so lange, bis sie ihm in Fleisch und Blut übergegangen waren und, was das wichtigste an der ganzen Geschichte war, bis er sie auch verstanden hatte. Es ist immer etwas anderes, wenn man die Regeln nur kennt, aber nicht versteht, was sie wirklich für einen selbst bedeuten. Kenny hatte das sehr wohl begriffen. So kam es also, dass er in die große Familie der Merchaneries aufgenommen wurde. Kenny behielt zwar seinen Namen, aber seine Identität hörte in dem Moment auf zu existieren, als man ihm das Merchanery – Symbol auf den Arm eintätowierte. Er war nun ein Merchanery zeit seines Lebens. Auch wenn er irgendwann einmal aus irgendwelchen Gründen aus der Gruppe ausscheiden sollte, würde er weithin deren Interessen vertreten und weiterhin deren Regeln befolgen, auch im hohen Alter noch. Es klang zwar illusorisch, aber es gab Geschichten über welche die es tatsächlich so lange ausgehalten hatten.
Dies alles war nun genau 2 Jahre her. In dieser Zeit hatte Kenny seinen Leuten gezeigt, dass sie sich nicht in ihm getäuscht hatten. Er hatte jetzt den Status eines Squad – Leaders erreicht, was soviel bedeutete, dass er jetzt eine Gruppe in den Kampf führen durfte und auch musste, wenn das von ihm verlangt werden sollte. Als Merchaneries waren sie alle gleich und doch gab es so etwas wie einen Anführer. Das war der Mann, der die Aufträge heranschaffte und sie an alle möglichen Leute verteilte. Im Grunde sah sich dieser Mann nicht als ihr Anführer und doch war er derjenige, der ihnen Arbeit verschaffte und die Gruppe nach aussen hin vertrat. Alles in Allem, war es allerdings kein zwanghafter Haufen. Und nun saß Kenny über dem Kartenmaterial über den Kongo. Ausgerechnet dorthin hatte es eine Gruppe von US Seals verschlagen. Sie hätten dort eine geheime Rüstungsstation ausfindig machen und zerstören sollen, waren dabei aber geschnappt worden. Jetzt war der Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte an die Merchaneries herangetreten und hatte sie gebeten, für ihn die Kohlen aus dem Feuer zu holen. Der Auftrag sah ganz einfach aus: Ins Zielgebiet gehen, die eigenen Leute rausholen und die Rüstungsstätte hochjagen. Aber ganz so einfach war die ganze Sache nun doch wieder nicht. Immerhin gab es einen Grund, warum die Seals, normaler Weise eine Waffengattung, die selten bis gar keine Fehler macht, geschnappt worden waren und vor allem von wem. Die Rüstungsstation wurde durch die Russen betrieben, was die Sache noch interessanter machte. Denn die Seals waren nicht von den Russen, sondern von Wiederstandskämpfern gefangen genommen worden. Diese Gruppe war bei der ganzen Sache gar nicht eingeplant gewesen. Nach den neuesten Informationen hatten diese nämlich ebenfalls versucht, die Fabrik unter ihre Kontrolle zu bringen. Da ihnen die Seals dabei in die Quere kamen, schnappten sie sich halt die und wollten von der Regierung der USA ein Lösegeld erpressen. Nun war da wieder das Problem, dass von dieser Aktion bei denen nur die Militärbefehlshaber wussten und sonst keiner, aber das wussten die Wiederstandsleute wieder nicht. Eine verzwickte Situation. Dank eines Positionssenders einer neuen Art, war es möglich gewesen die Seals zu orten. Gott sei Dank gab es in diesem Gebiet nur die eine Wiederstandsbewegung, deshalb war die Chance auf noch so eine Einheit zu treffen, wirklich gering.
Kennys Aufgabe bei der ganzen Angelegenheit war relativ klein. Seine Aufgabe war die Zerstörung der Rüstungsstätte. Nun kann man sagen, dass diese Aufgabe für einen Mann alleine fast zuviel sein könnte, aber dazu wurden die Merchaneries ausgebildet und ein Mann alleine fiel weniger auf, als eine Gruppe von Drei. Er sollte den Auftrag erledigen und dann am Treffpunkt zu seinen Leuten zu stoßen. Die Sache war mehr oder minder sein Spezialgebiet. Er hatte in den letzten Jahren mehr als 10 solcher Aufträge erfolgreich ausgeführt und die Taktik war jedes Mal dieselbe gewesen. Kenny lehnte sich in seinem Sessel zurück und blickte zur Decke. Morgen schon würde er in einem Fliegersitzen und mit seinen Leuten über dem Zielgebiet abspringen. Zurück würden sie über ein Uboot kommen. So weit war schon alles geplant. Trotzdem machte sich in seinem Bauch ein Gefühl von Nervosität breit, aber das war immer so und einer seiner Kollegen hatte einmal gesagt: „Schlimm wäre es, wenn wir keine Angst hätten oder nicht nervös wären. Solche Leute laufen manchmal gerade erst recht ins offene Messer und solche Leute sind wir nicht.“ Es war viel wahren in diesem Satz. So hart und gerecht die Merchaneries auch waren, genauso waren sie auch Menschen mit Gefühlen. Es kam nur darauf an, zu wissen, wann man sie unterdrücken muss.
Knapp 13 Stunden später stand er in der offenen Tür eines Flugzeuges das fast 2300 Meter über dem Boden dahinflog und sprang hinaus. Er liebte dieses Gefühl im freien Fall über der Erde zu schweben und durch die Luft zu rasen. Heute konnte er das allerdings nicht lange genießen, denn er sollte ja unbeschadet unten ankommen. Also raus mit dem Fallschirm und das Zielgebiet ansteuern. Kenny landete relativ sanft auf dem weichen Urwaldboden. Warum mussten solche Leute ihre Fabriken immer in so unwirtliches Gebiet bauen? Was ihn aber am meisten interessierte, war die Tatsache, wie die Russen es geschafft hatten, hier überhaupt eine Fabrik zu bauen, ohne wirklich Aufmerksamkeit zu erregen. Das war ja fast unmöglich! Ein Angriff bei Tag war zwar wahnsinnig gefährlich, musste aber sein, da diese Fabrik Waffen produzierte, die eine ungeheure Zerstörungskraft hatten und bald ausgeliefert werden würden und das sollte tunlichst verhindert werden. Im nächsten Moment setzte sich Kenny auch schon ab vom Haupttrupp und schlich durch das Gebüsch. Dabei war er so schnell und leise, dass so gut wie kein Geräusch entstand. Das war das letzte was er noch gebraucht hätte. 10 Minuten später saß er, versteckt hinter einer Gruppe von Sträuchern und sah sich das Gelände an. Auf den ersten Blick fielen ihm ein paar Sachen auf. Zwei Wachen am provisorischen Tor, keine Patrouillen unterwegs, Maschenzaun, allerdings nicht unter Strom (Eine Wache hatte ihr Gewehr an den Zaun gelehnt), Stacheldraht am oberen Ende. Innerhalb des Zaunes waren keine Wachen und auch keine Kammaras oder etwas ähnliches zu sehen. Die Sache war fast zu einfach, trotzdem wurde Kenny nicht sorglos, sondern fing ein Gerät aus der Tasche, dass die Umgebung scante. Das Ergebnis war erstaunlich: überall liefen Sensoren durch den Boden und es gab nur eine einzige Möglichkeit sicher zum Eingang zu gelangen, ohne gleich Alarm auszulösen. Tja, die unsichtbaren Tricks sind immer noch die Besten, dachte Kenny bei sich und grinste. Er zog eine Waffe aus seinem Holster, legte an und schickte die beiden Wachen schlafen. Im nächsten Moment, war er schon durch das Tor und folgte der Schrittlinie auf seinem Scanner. Die Tür war durch ein Zahlschloss gesichert, dass allerdings einfach zu knacken war. Das innere Gebäude war vollgestopft mit Kammaras, aber da sich seine eigene Uniform nicht wirklich von denen der Wachen draussen unterschied, wurde kein Alarm ausgelöst, oder er hatte einfach nur unglaubliches Glück. Jetzt brauchte Kenny nur einen einzigen Punkt, an dem er seinen Sprengsatz anbringen konnte. Irgend eine kritische Stelle, so wie Munitionslager, Stormverteiler, Zuleitungen mit besonders explosiven Flüssigkeiten darinnen oder einfach irgendein Generator, wie ihn jede Fabrik hatte. Und dann musste dieses Ziel noch möglichst zentral liegen. Kenny musste gar nicht lange suchen. In der Hauptproduktionshalle stand ein riesiger Schmelztiegel. Wenn das Ding detonierte, würde von dem restlichen Werk nicht mehr viel übrig bleiben und die Aufgabe wäre erfüllt. In einem Moment, in dem ihn keiner zu beachten schien, tat Kenny so, als würde er sich bücken um seine Schuhe zu binden. Dabei brachte er den Sprengsatz direkt unter einer Hochdruckflasche an, die aussah, als würde sie etwas hochexplosives enthalten. Danach schlenderte er noch ein bisschen im Werk herum, bevor er den Rückzug antrat. Als er an den Wachen draussen am Tor wieder vorbei kam, begannen auch diese ganz langsam wieder aus ihrer Betäubung zu erwachen und er beeilte sich, um wieder in den Schutz der Büsche und Sträucher zurückkehren zu können.
Als er zum Treffpunkt zurückkehrte, erwarteten ihn seine Kollegen schon mit dem Trupp der verschollenen Seals. Sein Anführer schien etwas gehetzt zu sein. Anscheinend hatte doch nicht alles so perfekt funktioniert, als es geplant gewesen war. Er fragte Kenny: „Und, was ist mit der Fabrik?“ – „Ach die!“ Kenny zog eine Fernsteuerung aus seiner Tasche, zog die Antenne heraus, und legte den Schalter darauf um. Es gab eine unheimlich laute Explosion und hinter ihnen stieg eine riesige Feuersäule in den Himmel empor. Kenny grinste und sein Anführer nickte nur zustimmend. Sie wollten gerade los, als auf einmal Gewehrfeuer zu hören war. Seine Kollegen hatten die Wiederstandskämpfer doch nicht ganz eliminiert und der Rest schien jetzt auf Rache zu Sinnen. Die Kollegen, die Seals trugen eilten auf jeden Fall sofort los in Richtung Hubschraubertreffpunkt. Kenny und 2 weitere begannen nun ihrerseits in das Buschwerk zu feuern und versuchten ihren Leuten Luft für die Flucht zu verschaffen. Auf einmal hörte Kenny etwas neben sich zu Boden fallen, er sah einen Lichtblitz und schloss die Augen.
Aber die Explosion kam nicht. Gar nichts passierte. Kenny öffnete vorsichtig die Augen und blickte erstaunt um sich. Der Wald und die Bäume waren verschwunden. Kein Gewehrfeuer, nur Stille. Er stand in einer Seitengasse irgendeiner Stadt, allerdings trug er noch immer seinen Kampfanzug mit all seinen Waffen und Geräten und er hatte immer noch seine MG in der Hand. Was zum Teufel war geschehen, wo war er hier und wie war er hierher gekommen? Er trat auf die Straße hinaus und fiel fast aus allen Wolken. Neo Tokio 3!
(Fortsetzung folgt…)