Merchanery Evangelion

Kapitel 9 – David gegen Goliath oder The End of the Line

Die Sonne stand schon im Zenit und auf dem Feld war Ruhe eingekehrt. Stille, allerdings eine fast tödliche. Auf der einen Seite eine Armee von fast 2000 Mann bestehend aus RDG und dem, was von SIGNUM noch übrig war. Auf der anderen Seite eine Gruppe von fast nur 400 Mann bestehend aus Merchaneries und Nerv. Aber komisch: in den Gesichtern der Männer und Frauen der kleineren Gruppe sah man nur Angespanntheit, mehr nicht. Sogar ihre Befehlshaber schienen unheimlich locker zu sein. Kenny rutsche sogar fast ein Lächeln über das Gesicht. Auf der andern Seite schlotterten den Soldaten die Knie, und ihre Befehlshaber hatten noch mehr Angst. Buco humpelte in seinem Zelt nervös auf und ab. S1 suchte sein Heil im Alkohol und wurde von S2 ständig belehrt, dass das jetzt nicht wirklich der beste Zeitpunkt war, sich vollaufen zu lassen. Ein wirklich seltsames Bild.

Auf einmal ein Schrei auf Kenny`s Seite, genauer gesagt schrie er selbst. „Yeeeaaahhhhhh!“ Alle Soldaten stimmten mit ein. Kenny wiederholte den Schrei drei bis vier Mal bis die ganze Gruppe unter ihm in euphorischer Stimmung schwelgte. Von einem der Offiziere kam der Spruch: „Lasst sie nur kommen, wir machen sie alle!“ und die andern stimmten sofort mit ein. Buco beobachtete das von seiner Seite aus und fühlte sich sofort provoziert. S1 trat hinter ihn und meint nur so ganz beiläufig: „Die scheinen sehr siegessicher! Ich glaube nicht, dass wir wirklich eine Chance haben!“ – „Das werden wir noch sehen!“, meinte Buco zerknirscht und rief seinen Leutnant zu sich. „Geben sie Befehl zum vorrücken, wir rennen sie jetzt über den Haufen!“ Kurz darauf rückten die ersten Reihen vor. Kenny grinste. Er riss sein Megaphon hoch. „Entsichern und Anlegen, macht euch für die erste Phase bereit!“ Asuka neben ihm zog eine kleine Fernsteuerung aus der Tasche und sah Kenny an. Der wartete noch, bis die Gegner in Reichweite der Waffen gekommen waren und nickte ihr dann zu. Sofort brach unter den eigenen Leuten der Boden weg und sie standen in Wehrgraben, die sie noch vorgestern Abend ausgraben hatten lassen. Seine Leute begannen zu feuern, und bevor S1 und Buco überhaupt kapiert hatten, was passiert war, fielen auch schon die ersten vier ihrer Angriffs einfach um und blieben liegen. Gleichzeitig, aktivierte Asuka auch noch die Tretminen, die unter den Füßen der anderen Soldaten eingegraben waren. Diese hatten Kenny, Sanna, Shinji, Toji und Kensuke innerhalb einer langen Nacht auf dem ganzen Schlachtfeld eingegraben. Allerdings war das etwas, dass sich als ganz nützlich erwies. Diese Mienen waren so empfindlich, dass auch durch Erschütterungen ausgelöst werden konnten. Wenn eine Miene explodierte, gingen alle anderen mit hoch und genau so war es dann auch. Insgesamt detonierten über 50 Mienen und rissen fast 2/3 der gesamten Armee mit sich in den Tod. Buco und S1 staunten Bauklötze. Sie waren gleichermaßen geschockt, wie überrascht. S2 bekam davon schon gar nichts mehr mit. Der hatte sich wohl eine Flasche Alk zuviel reingezogen und pennte in seinem Zelt neben einem Flaschenberg. Erst jetzt ließ Kenny seinen Leute vorrücken. Asuka neben ihm grinste, aber noch hatte Kenny nicht alle seine Trümpfe ausgespielt. Sie hatten zwar den Großteil der Armee vernichtet, stießen aber immer noch auf heftige Gegenwehr. Vor allen Dingen waren es nur mehr RDG – Angehörige, die hinter Bäumen, Steinen und ähnlichem in Deckung gegangen waren und schon nach wenigen Metern den heranstürmenden Truppen das Leben schwer machten. Kenny sah auf die Uhr, allerdings nicht um die Zeit einzuholen, sondern klappte das Ding auf und blickte auf einen kleinen Display. Was er dort las machte ihn böse lächeln. Im nächsten Augenblick erhob sich nämlich aus allen Richtungen ein altes Kavallerie Trompetensignal, dass ein jeder aus Wildwestfilmen kannte. Aus allen Richtungen stürmten auf einmal grün gekleidete Männer auf die RDG ein. Buco, S1 und S2 waren die ersten, die sie gefangen nahmen. Die RDG Soldaten erstarrten, sahen sich um und begannen zu laufen. Keiner von ihnen kam den Grünen aus. Es dauerte nicht lange, bis alle in Gewahrsam genommen worden waren und in Transporter und Hubschrauber, die ganz plötzlich da gewesen waren. Hinter Asuka und Kenny tauchte ebenfalls ein Grüner mit einigen Rangabzeichen auf der Brust auf und auch gleichzeitig mit ihm Rei. Kenny drehte sich nicht einmal um, als er sagte: „Perfektes Timing, Onkel Phil. Besser hätte ich es auch nicht machen können.“ – „Ging ja gar nicht anders. Miss Rei war sehr genau instruiert und hatte sogar den Plan für deine Aktionen dabei. So war es uns möglich, ganz genau zu bestimmen, wo und wie wir zuschlagen mussten. Eine wirklich gute Aktion. Was sollen wir jetzt eigentlich mit ihnen machen?“ Kenny überlegte. „Die RDG – Soldaten in das beste Gefängnis, dass du zur Verfügung hast. Als Kriegsgefangene behandeln, aber sorg dafür, dass sie den Knast nicht überleben. SIGNUM Mitarbeiter, sollten noch welche da sein, exekutieren. Genau dasselbe machst du mit S1 und S2. Buco wird in ein anderes Gefängnis gesperrt. Wenn möglich in einen Hochsicherheitstrakt. Er wird sicher versuchen zu fliehen und wenn er das tut, darf er nicht entkommen, dabei soll alles gestattet sein. Sollte er zufällig dabei umkommen, ist es auch nicht weiter tragisch.“ – „Alles klar!“ – „Eins noch, Onkel. Die Kommandozentrale der RDG gehört vom Erdboden getilgt. Zeigt einfach Stärke, stellt sie als Volksverräter hin und blast sie weg.“ Onkel Phil nickte bloß, machte kehrt und ging zu seinen Leuten zurück. „War das nicht etwas zu hart?“ fragte Asuka. Kenny wandte nun endlich den Blick vom Schlachtfeld ab und sah sie an. Aus seinem Blick konnte Asuka spüren, dass er überzeugt war von dem was er tat. Dann meinte er: „Diese Leute waren Feinde deines Volkes, haben Leute getötet, die unter dir gearbeitet haben und würden sich mit Sicherheit rächen, wenn sie am leben bleiben. Verstehst du jetzt, warum? Ich habe nicht vor es darauf ankommen zu lassen. Schon alleine wegen Sandiko, kann ich sie nicht am Leben lassen. Sie soll in einer Welt aufleben können, die nicht vom Krieg beherrscht wird und das sollte auch dein oberstes Ziel sein.“ Asuka nickte nur stumm. Es gab nichts was sie hätte sagen sollen.

Zwei Tage später schien die Welt wieder in Ordnung. Im Nerv HQ waren große Feierlichkeiten angesetzt worden. Gendo Ikari und Kohozo Fuyuzuki konnten nun endlich ihren Ruhestand antreten und baten Misato, da sie mehr oder weniger immer noch im Dienste von Nerv standen, sie in ihre Pension zu entlassen. Misato musste bei dieser Anfrage fast schmunzeln. Trotzdem blieb sie cool und gewährte es den beiden. Auch für Kenny war der Tag sehr interessant. Immerhin war der Oberbefehlshaber der Merchaneries gekommen um Kenny`s Aktion zu loben und ihn zu seiner rechten Hand zu machen. In seiner Ansprache machte er aber auch klar, dass es wenigstens auf einem Teil dieser Erde nun endlich friedlich zugehen würde. Es wäre aber noch genug zu tun, aber er wäre sicher, dass er mit so einer rechten Hand wirklich jedes Problem in den Griff kriegen würde. Kenny beschämte das ein bisschen. Was noch anstand, war dass Misato mit der UN gesprochen hatte. Diese wollten umgehend eine Untersuchung auf höchster Ebene durchführen um zu verhindern, dass so etwas noch einmal vorkommen würde. Misato glaubte da nicht wirklich dran, aber sie hielt den Mund, um die Sache nicht noch zu verkomplizieren.

An jenem Nachmittag stand allerdings auch etwas eher trauriges an. Tiko`s Begräbnis. Alle Merchaneries nahmen daran Teil. Sie machten es so, wie es Tradition war. Ein Begräbnis, wo keiner ein Wort sagte und nur im Hintergrund die Merchanery Hymne zu hören war. Kenny und Sanna trugen gemeinsam mit anderen Kollegen den Sarg auf ihren Schultern. Danach nahmen sie alle Abschied und gingen einfach. Nach alter Tradition schaufelten Tikos beste Freunde das Grab zu. In dem Fall nur Kenny und Sanna. Erst dann nahm auch Sann von ihm Abschied und ging. Kenny allein blieb zurück. Lange stand er nur da und starrte das Grab an. Dann richtete er den Blick gen Himmel und fragte ganz leise: „Warum musstest du sterben? Warum habe ich dich nicht retten können?“ – „Das wäre nicht möglich gewesen, selbst, wenn du es gewollt hättest. Das Schicksal lässt sich nun einmal nicht auf den Arm nehmen!“ Auf einmal stand Tiko`s Geist neben seinem Grab. Kenny war weniger überrascht. In seiner Welt hätte er höchstens seine Stimme gehört, aber hier war alles möglich. Der Geist schien keine Antwort erwartet zu haben, daher fuhr er einfach fort. „Ich muss es kurz machen. Man lässt mir nicht ganz so viel Zeit, wie ich gern hätte, du verstehst sicher. Es war Schicksal, dass ich sterben musste, damit du genau das tun kannst, was du getan hast. Es wäre zu kompliziert, dir das jetzt zu erklären, aber wir werden noch Zeit genug dafür haben, wenn du hier bist. Versteh mich nicht falsch, du wirst noch lange leben, denn dazu bist du hier. Menschen zu helfen, die deine Hilfe nötig haben. Ich werde hier oben auf dich warten. Kopf hoch, alter Freund! Du weißt, es gilt dasselbe für den Himmel als auch für die Hölle. Wir Merchaneries sterben nicht, wir steigen nur in den Himmel auf oder fahren zur Hölle um uns neu zu formieren. Halte dich nur daran und wir werden uns bald wieder sehen. Versprochen!“ Damit verschwand die Erscheinung und ließ Kenny wieder alleine am Grab zurück. Aber in dessen Gesicht war keine Trauer mehr zu sehen, sondern nur noch Hoffnung.

Kenny packte seine Sachen. Der Marschbefehl war eingetroffen und er musste los. Es war Abend geworden über Neo Tokio 3. Kenny sah sich noch in dem Zimmer um, dass für so lange Zeit sein zu Hause gewesen war, seufzte und ging in Stille. Als er auf die Straße trat blickte er die Wolkenkratzer der Stadt vielleicht zu ersten Mal in seinem Leben voll Ehrfurcht an. Die Kriege und Bluttaten, die diese Stadt erschüttert hatte, waren noch deutlich an den Zeichen, die diese hinterlassen hatten sichtbar und doch schien es, als wäre nie etwas hier geschehen. Er wandte seinen Blick ab und ging zu Fuß zum Hafen. Den Wagen hatte er am Nachmittag wieder an den Händler zurückverkauft. Auf dem Weg zum Hafen sah er einen Mann mit einer Zigarette an eine Hausmauer gelehnt stehen. Stumm umarmte er ihn. Kaji war von einer Rührseligkeit befallen, die nur sehr selten an ihm zu sehen war. Es gab nichts was zu sagen gewesen wäre. Kenny ging weiter ohne zurückzublicken, während Kaji ihm hinterher sah. Nein, es war sicherlich nicht das letzte Mal gewesen, dass sie sich getroffen hatten, ganz bestimmt nicht. Die Leute an der nächsten Hausecke waren davon gar nicht so überzeugt. Shinji, Asuka, Sandiko und auch die beiden alten Männer Gendo und Fuyuzuki. Den letzten beiden schüttelte er nur die Hand. Sandiko umklammerte sein rechtes Bein und fragte immer wieder, warum er denn fort müsse. Asuka tat etwas vollkommen Unerwartetes. Sie umarmte ihn, schaffte es jedoch ihn auch wieder loszulassen. Shinji schaffte es nicht. Asuka und Gendo mussten zusammenhelfen, damit Kenny nicht erstickte. Kenny beugte sich zu Sandiko hinunter und flüsterte ihr zu: „Hey, machte euch bloß keine Falschen Hoffnungen! So leicht werdet ihr mich nicht los. Ich werde immer ein Auge auf dich und die anderen haben!“ – „Versprochen?“ – „Auf Ehre und Gewissen!“ Erst jetzt ließ sie ihn auch los.

Kurz vorm Hafen traf Kenny auch noch auf Misato. Sie verabschiedete sich rein formell im Namen von Nerv und der UN von ihm. Man sah ihr an, dass sie gegen die Tränen kämpfen musste, aber das ist nun mal die Pflicht eines Kommandanten. Bloß keine Gefühle zeigen, ganz gleich was passiert. Kenny lächelte sie nur an und stieg dann in das bereits wartende Uboot. Die Luke wurde geschlossen und schon fuhr das Schiff los und verschwand auch bald, mit Kenny darin, in den Tiefen des Meeres. Vielleicht für immer, aber nur vielleicht!


Epilog:
Ein neuer Tag erhebt sich über Neo Tokio 3 und der Frieden hält endgültig Einzug. Das Leben geht seinen ganz normalen Gang und doch scheint es, als stünde hoch oben über den Dächern auf einem der größten Hochhäuser ein Schutzengel mit einem schwarzen Tarnanzug, der über die Stadt wache hält. Irgendwo…

THE END