Nerv-Hauptquartier. Arrestblock. Misato saß auf ihrer Pritsche. >Kaji. Ich weiß du hast etwas damit zu tun. Wahrscheinlich hast du ihn auch selbst entführt. Wieso mußtest du das tun? Wieso? Diesmal wirst du Nerv nicht so leicht davonkommen. Wenn überhaupt.< Die Tür öffnete sich. Zwei Agenten der Nerv-Sicherheitsabteilung betraten den Raum. Misato blickte den ersten Agenten in die Augen. „Major Katsuragi. Es tut mir leid daß wir sie so lange festhalten mußte, aber nun ist die Situation geklärt. Hier ist ihre ID-Card und ihre Waffe.“
Misato stand auf. „Würden sie mir jetzt erklären, was genau passiert ist?“ Der Agent wich zurück. „Tut mir leid Major. Aber ich darf ihnen keine Auskünfte geben. Diese Angelegenheit ist streng geheim. Sie verstehen.“ Misato nahm ihr Sachen, dann sagt sie: „Natürlich.“ >Ich verstehe mehr als du glaubst.< Misato machte sich auf dem Weg zu ihrem Wagen. Als sie gerade die Tür öffnen wollte, stand Makoto vor ihr „Verzeihen sie Major Katsuragi, aber ich habe hier solange auf sie gewartet, weil ich Neuigkeiten habe.“ Neugierig und müde zugleich blickte sie ihn an. „Sie sehen wirklich sehr müde aus. Es tut mir leid, daß ich sie aufhalte, aber es ist sehr dringend.“ Misato brachte nur ein kurzes lächeln zustande. „Makoto, du weißt, du bist einer der wenigen Menschen denen ich voll und ganz vertrauen kann. Was für Informationen hast du?“ Dieses Kompliment schmeichelte Makoto sehr. Fast hätte er vergessen, was er sagen wollte. Schnell sammelte er sich wieder und räusperte sich. „Es geht um folgendes. Als man sie inhaftierte, habe ich mich in den Server des Geheimdienstes eingeloggt. Das war zwar nicht ganz legal, ich mußte erst einen Virus einsetzen um die Sicherheitssysteme zu überwinden, dafür habe ich aber einige Informationen über sie und Kaji herausbekommen.“ Misato's Neugier stieg immer weiter. „Und?“ Makoto setzte ein ernstes Gesicht auf, sah kurz auf den Boden, dann blickte er in Misato's Augen. „Major Katsuragi, sie wußten das Kaji ein Spion des Ministeriums war, richtig?“ Sie nickte. „Der Geheimdienst hat sich bei Kommandant Ikari über sie beschwert. Sie hätten den Verräter sofort melden müssen, heißt es in der Beschwerde. Es steht auch, sie hätten ihn mit einer Waffe bedroht als er eine Sicherheitsebene von höchster Priorität verletzte. Anstatt ihn festzunehmen, ließen sie ihn wieder laufen.“
„Woher wissen die das alles? Ja, es stimmt, ich habe Kaji zur Rede gestellt, als ich hinter sein Doppelspiel kam, doch was er mir gezeigt hat ist....“ Sie schüttelte den Kopf. „Kaji wollte mir die wahren Absichten von Nerv zeigen. Dann verschwand er plötzlich.“ Misato blickte in alle Richtungen. Es hatte den Anschein als versuchte sie, den Parkplatz genau zu erforschen. „Wahrscheinlich werde ich schon überwacht.“ Auch Makoto sah sich die Parkebene genauer an. Nur Misato's und Makoto's Wagen standen noch auf der Ebene. Die Sicherheitskamera war deaktiviert worden. Misato blickte fragend zu Makoto. Er lächelte. „Keine Angst. Die werden erst in einer Stunde dahinterkommen, daß ich die Kameras auf dieser Ebene kurz abgeschaltet habe. „Makoto, ich bin beeindruckt. Du entwickelst langsam ein taktisches Gespür für solche Situationen.“ >Wieder ein Lob von Misato. Oh, Mann. Ich glaube ich werde noch rot< „Kommen wir wieder zurück zu den Infos.“ sagte Makoto. „Ich habe die gesamten Unterlagen hier in dieser Mappe. Ich habe noch nicht alles gelesen, aber der Geheimdienst steht ihnen ziemlich zwiespältig gegenüber. Die wissen nicht zu welcher Seite sie stehen. Wenn sie weiter mit Kaji gesehen werden, könnte man sie wegen Spionage anklagen, heißt es.“ Der letzte Satz bereitete ihm ganz besondere Sorgen. Er reichte ihr die helle Mappe mit dem Nervzeichen. „Vielen dank, Makoto.“ Misato stieg in ihren Renault Alpine. „Seien sie vorsichtig Major Katsuragi.“ Noch immer hatte er sein sorgenvolles Gesicht aufgesetzt. „Das werde ich.“ Misato fuhr Richtung Car-Train. Makoto ging auf seinen Wagen zu, als er ein Geräusch hörte. Er konnte es nicht einordnen. Was war es? Schnell holte er seine Schlüssel aus der Tasche, öffnete die Wagentür und sprang fast in das Auto. Nichts. Dunkelheit. Ein wenig erhellt von den Neonröhren an der Decke. Wieder sah er nach links und rechts. Hatte er sich die Geräusche nur eingebildet? Wahrscheinlich. Die letzten paar Stunden waren doch ziemlich anspannend und streßig gewesen. Makoto spielte an den Knöpfen seines Radios, bis er einen Sender mit guter Musik fand und fuhr los. >Ob sie mich gerne hat? Ich glaube schon. Wenn das mal alles hier vorbei ist, sollte ich sie auf einen Drink einladen. Genau. Kaji wird schon nichts dagegen haben.< Fröhlich, zu der Musik pfeifend, machte sich Makoto auf den Heimweg.
„Haben sie alles auf aufgezeichnet?“ Ein dunkel gekleideter Mann trat aus einer Ecke hervor. Er griff an sein Head-Set. „Hier Eagle 3, positiv. Kommen.“
„Hier Einsatzleitung, begeben sie sich zurück nach HQS.“
„Hier Eagle 3 verstanden. Ende“ Der Mann steckte die Digitale Video Kamera in seine rechte Manteltasche und lief Richtung Aufzug.
Montag. 23:15 Uhr
Misato betrat ihr Appartement. Asuka's Zimmer war leer. Sie übernachtete bei Hikari. Leise öffnete sie die Tür zu Shinji's Zimmer. >Er schläft schon.< Genauso vorsichtig schloß sie die Tür wieder. Doch Shinji schlief nicht. In der rechten Hand sein CD-Player, sah er aus dem Fenster. Er hatte gehört wie Misato die Tür öffnete. Sollte er mit ihr reden? >Nein. Sie ist auch nicht besser als die anderen. Sie nutzt dich nur aus< Er drehte sich Richtung Tür. >Das ist nicht wahr. Sie kümmert sich um dich. Sie ist nicht so wie die anderen. Sie... ich vertraue ihr. Nein. Doch.< Shinji wälzte sich hin und her. Er hatte seine Gefühle noch nicht unter Kontrolle. Misato. Sie war für ihn fast wie eine zweite Mutter geworden. Er dachte zurück an ihre erste Begegnung. Sie hatte damals Worte für ihn, die sein Vater niemals benutz hätte. Sie gab ihm Kraft, sie richtete ihn wieder auf. Als er damals von Nerv weg wollte, nicht mehr den EVA steuern wollte, fing sie ihn am Bahnhof ab, und gab ihm abermals den Willen gegen die Engel zu kämpfen. Er hatte starke Gefühle für Misato. Sie war einer der wenigen, die Verständnis für sein Lage hatten.
Doch hinter ihrer Fassade aus Verantwortungsbewußtsein, Führungsstärke und brillanter Taktik, verbarg sich eine zweite Person. Ein sensible Seite, aber auch der Haß auf die Engel, oder auf ihren Vater? Nach außen gab sie sich von ihrer harten, überlegenden Seite, im innersten war sie mit Schuldgefühlen, Haß, aber schlimmer noch, von Einsamkeit erfüllt.
Pen-Pen kam watschelnd auf Misato zu. Sie hob ihn auf und drückte ihn an sich. „Wie geht es dir Pen-Pen?“ fragte sie müde. Der Pinguin quietschte vergnügt. Als sie ihn absetzte sah sie das Licht auf ihrem Anrufbeantworter aufleuchten. Sie hatte ein komisches Gefühl als sie auf das Telefon zuging. Einen Moment verharrte sie vor dem Telefon. >Ich weiß die Nachricht ist von dir Kaji. Hoffentlich trifft mein Befürchtung nicht zu. Kaji....< Sie drückte die Playtaste. „Misato.“ Kaji's Stimme.
Shinji lag noch immer wach in seinem Zimmer. Ein Schrei ließ Shinji hochfahren. Sofort sprang er aus seinem Bett. Als er in Richtung Küche ging, sah er eine weinende und verzweifelte Misato auf dem Boden sitzen. Die Tränen von Misato liefen über ihre rote Jacke, auf den Teppich, überall hin. In ihrem Gesicht spiegelten sich Trauer und Angst wieder. Sie murmelte etwas das Shinji nicht verstand. So hatte er sie noch nie gesehen. Es konnte nur etwas mit Kaji zu tun haben. >Was soll ich machen? Ich bin doch nur ein Kind. Ich kann sie nicht trösten. Ich bin nur ein...<
„Shinji.“ Misato's Stimme. Er sah sie an. Misato wischte sich die Tränen aus den Augen. Doch kaum hatte sie die salzige Flüssigkeit weggewischt, quollen weitere Ströme aus ihren Augen. Shinji wollte zurück in sein Zimmer. Er konnte ihr nicht helfen. >Willst du immer nur davonlaufen?< Seine Hände ballten sich zu einer Faust. >Ich darf nicht weglaufen. Ich darf nicht weglaufen!< Vorsichtig ging er auf Misato zu. Sie versuchte sich aufzurichten, was ihr mißlang. Sekunden später ließ sie sich wieder auf den Boden fallen. „Misato.“ Er machte eine kurze Pause, blickte wieder in ihre verzweifelnden Augen die nach Trost schrien. „Es....hat...mit Kaji zu tun, oder?“ Sie schluchzte und ergriff seinen Arm. Er legte ihr einen Arm auf die Schulter. Nie zuvor hatte er jemanden Trost gespendet oder irgendwelche Worte gefunden, die den Schmerz linderten. „Kaji. Er.... er ist... er...“ Sie begann sich etwas zu fassen, der Tränenstrom riß aber nicht ab. „Kaji.....ist...tot.“ Shinji's Gesicht wurde total weiß. Als er vorher Misato weinen hörte, dachte er noch Kaji wäre verletzt worden, oder ein Unfall sei ihm widerfahren. Doch jetzt hatte auch er Gewißheit, das es viel schlimmer war. >Müssen alle die ich gern habe sterben?< Shinji quälte sich mit Fragen die seinen Geist völlig überforderten. Misato drückt Shinji fest an sich und ließ ihren Kummer weiter freien lauf. Shinji schrak fast zurück als sich Misato ihm näherte, doch er spürte ihre Verzweiflung. Jetzt legte auch Shinji seine beiden Arme um Misato. „Laß mich nicht los Shinji!“ schluchzte sie. Beide lagen sich in den Armen. Beide vor Trauer. >Schmerz und Leid sind die einzigen Gefühle die ich kenne.< Dieser Satz blieb Shinji noch sehr lange in Erinnerung.
Kapitel 1 - Die Entdeckung
Dienstag.
Die ersten Sonnenstrahlen drangen durch das Zimmer. Bald erreichten die warmen und angenehmen Strahlen das Bett. Der kleine Raum war spartanisch eingerichtet. Ein Schaukelstuhl befand sich neben dem Fenster, gleich daneben stand ein kleiner Tisch. Auf dem Tisch lag eine Packung Zigarren. Gleich neben dem Tisch stand das Bett.
Jetzt erreichten die Strahlen das Gesicht des alten Mannes. Er stieß einen unverständlichen Laut aus und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Er betrachtete seine linke Hand. Seine faltige Hand begann zu zittern. Schnell griff er mit der anderen Hand nach seinen Zigarren. Oberhalb der Tür hing eine Uhr. Sie zeigte 5:00 Uhr morgens. Er überlegte einen Moment. >Warum. Schon seit einer Woche habe ich den gleichen Traum. Es ist wie damals. Vor dem Second Impact war es der gleich Traum. Was geschieht hier?< Nur mit einer langen Unterhose bekleidet, ging er auf das Fenster zu. Er öffnete es. Ahh. Genußvoll sog er die frische und klare Morgenluft in sich hinein. Dann griff er nach einer Packung Streichhölzer. Jetzt folgte seine größte Leidenschaft. Er schloß seine Augen, entflammte das Streichholz und zündete seine Zigarre an. >Gibt es etwas schöneres als der Duft einer guten, altmodischen Zigarre am morgen. Nein, bestimmt nicht. Ich bin schon ein komischer alter Kauz.< Er schüttelte seinen Kopf. Sein Blick war auf einen kleinen Hund gefallen, der vor dem Haus umherlief. >Was das bloß für eine Mischung ist?<
Plötzlich merkte er, wie sein Herz wieder schneller zu schlagen begann. Der kalte und für ihn ekelhafte Angstschweiß kehrte zurück. >Etwas schlimmes wir geschehen. Es ist wie damals. Bitte nein, nein, laß es nicht geschehen. Ich flehe dich an.< Seine Gedanken endeten abrupt, als sein kleiner Enkel in das Zimmer gestürmt kam. „Großvater, Großvater!“ Der 7 Jahre alte Ken umarmte seinen Großvater herzlich. „Guten morgen, Großvater!“ „Dir auch einen wunderschönen morgen.“ Er lächelte und umarmte den kleinen Jungen herzlich. Vergessen war sein Alptraum, der Second Impact.
„Bist du bereit, Ken. Hast du deine Angelausrüstung dabei?“
„Natürlich. Ich bin schon seit vier Uhr früh auf. Ich freue mich schon die ganze Woche auf unseren Angelausflug.“
„Na, dann. Ich ziehe mich nur noch schnell an. Sag mal, Ken, ist das dein Hund da draußen?“
„Nein, aber er ist mir nachgelaufen als mich Mama, kurz vor deinem Haus abgesetzt hat.“
„Na schön. Was hältst du davon, deiner Großmutter beim Zusammenstellen unseres Proviants behilflich zu sein?! Ich glaube sie hat auch etwas Süßes für dich gekauft.“
Begeistert lief Ken in die Küche. Ken's Großmutter hatte gerade einen kleinen Korb mit verschiedenen Früchten und anderen Leckereien gefüllt. „Ist das meiner, Großmutter?“ Sie lächelte ihn freundlich an. „Aber natürlich. Der gehört dir ganz allein.“ Sie nahm den Korb vom Tisch und reichte ihn Ken. „Vielen Dank!“ Der kleine Ken. Er war der größte Schatz der beiden. Noch nie hatte das alte Ehepaar einen so freudigen, und dankbaren Jungen gesehen. „Takahashi! Ich habe deinen Korb fertig. Kommst du?“ Ken's Großvater betrat die Küche. Er gab seiner Frau einen Kuss auf die linke Wange. Obwohl sie schon auf die 65 Jahre zuging, war ihre Haut fast noch so sanft und geschmeidig wie an dem Tag, als er sie kennengelernt hatte. Seit 30 Jahren, waren die beiden schon verheiratet. Wenn man sie genauer betrachtete, würde man sie höchstens auf 50 Jahre einschätzen. Viele Leute fragten, wie könne er sich so ein, für sein Alter, junges Aussehen bewahren. Er hatte nie eine Antwort parat, sondern lächelte nur geheimnisvoll.
Takahashi und Ken verließen das Haus. Hier auf dem Land war alles anders als in der großen Metropole. Neben dem Haus von Takahashi befanden sich nur noch zwei weitere Häuser. Eine breite Straße aus Schotter führte nach ca. 30 Kilometer auf die Autobahn Richtung Neo-Tokyo 3. Von der Autobahn waren es noch gut 10 Kilometer bis man endlich in der Stadt war. Takahashi und seine Frau wollten nie in der großen Stadt leben. Hier fühlten sie sich sicherer. Noch nie hatte ein Engel oder ein EVA hier eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Alles war hier friedlich und ruhig. Die Landschaft war geprägt von riesigen Wiesen und hohen Bergen. Auch mehrere Seen waren zu hier finden. Die beiden angelten fast immer an einem entlegen See, dem Zhing See. Dort hin verirrte sich fast nie jemand. Den See erreichte man erst durch einen zwanzig Minuten Marsch. Es gab nur einen kleinen Weg der zum See führte. Die zwei mußten zuerst einen kleinen Hügel nehmen, dann gab es noch einen Wald zu durchqueren. Zwischen zwei riesigen Bergen, die oben schon leicht mit Eis bedeckt waren, lag der See.
Ken war jedesmal außer sich vor Freude, wenn er diesen Anblick sah. Der Kristallklare See war wirklich ein Augenschmaus. Voller Angelfieber bereitete Ken seine Köder vor. Takahashi setzte sich auf einen Baustamm und verschnaufte erst mal. >Puhh. Es wird immer schwerer für mich. Selbst diese kleine Wanderung macht mir schon zu schaffen.< Ken begann sich plötzlich nicht mehr seinen Ködern zu widmen, sonder starrte auf die Wasseroberfläche. „Siehst du die großen Fische schon?“ fragte sein Großvater lächelnd. Ken sagte gar nichts. Er stand nur und starrte weiter auf den See. Sein Mund öffnete sich und er schrie: „Großvater! Großvater! Das schwimmt jemand!“ Takahashi ging auf seinen Enkel zu. „Was?“ Der kleine ergriff seinen Arm. Seine kalten Hände ließen auch Takahashi erzittern. „Da drüben.“ Ken begann sich noch mehr zu fürchten. Vorsichtig nahm sein Großvater die Angel in die Hand. Der Körper trieb ungefähr einen Meter von den beiden entfernt hin und her. Takahashi konnte ein weißes, blutiges Hemd erkennen. Mit kleinen Schritten bewegte er sich auf den Körper zu. Ganz langsam stieß er ihn mit der Angel. Keine Reaktion. Er wagte sich noch mehr ins Wasser und sah das wäßrige Blut und die Austrittswunde am Kopf. >Großer Gott! Was ist hier passiert?< „Ken!“ Mit zittriger Stimme rief dieser zurück. „J..J.. Ja?!“ „Ken, lauf sofort zurück zu Großmutter. Sag ihr, sie muß sofort die Polizei verständigen!“ „Aber, was ist mit dir?“ „Ich bleibe solange hier. Mach schnell!“ Blitzartig lief Ken den Weg zurück. Takahashi betrachtete die Leiche näher. >Wer bringt so etwas fertig? Ich verstehe die Menschen schon lange nicht mehr.< Er warf seine Angelrute zurück ans Ufer und zog die Leiche aus dem Wasser. Diese Art von Grauen hatte er seit dem Second Impact nicht mehr gesehen. Er ließ die Leiche liegen und setzte sich wieder auf den Baumstamm. Seine Hände begann wieder zu zittern. >Irgendetwas Verhängnisvolles wird passieren. Es fängt klein an, dann steigert es sich zum Absoluten Entsetzen. Ich weiß es, ich spüre es. Das ist erst der Anfang.< Er wollte sich eine Zigarre anzünden, doch er steckte diese wieder in seine Jackentasche. Die Kleidung des Toten bestand aus einem weißen Hemd, einer dunkelblauen Hose und schwarzen Schuhen. Die nassen Haare verteilten sich im Gesicht. Takahashi stellte fest, daß der Mann ziemlich lange Haare hatte. Das eingetrocknete Blut ließ ihn in eine andere Richtung schauen. Er sah hinauf zu den Bergen. Er atmete tief ein und aus. >Diese Szene könnte fast aus einem Bild stammen. Der alte Mann hält Totenwache.<
Dienstag. 07:45 Uhr.
Erst zweieinhalb Stunden später traf die Polizei ein. Inspektor Jojima war einer der ersten Beamten am Tatort. Kurz darauf folgten Männer der Spurensicherung, zwei Männer mit einer Trage und der zuständige Gerichtsmediziner, Dr. Yamamoto. Takahashi durfte mit Erlaubnis des Inspektors seinen Enkel zu seiner Frau bringen, mußte sich jedoch zur Verfügung halten.
„Wirklich der perfekte Ort um eine Leiche verschwinden zu lassen.“ meinte Dr. Yamamoto schnaufend. „Ach verehrter Doktor. Der kleine Spaziergang wird sie doch nicht ermüdet haben?“ grinste Jojima. „Sie haben leicht lachen. Als ich so alt wie sie war....“ Yamamoto mußte erst ein paar mal Luft holen, bevor er zu ende sprach. „...war...waren solche Orte für mich mühelos zu erreichen. Aber da sie 30 und ich 59 bin, muß schließlich ein Unterschied bestehen.“ Jojima lächelte den Doktor an, dann setzte er sein ernstes und konzentriertes Gesicht auf. Dr. Yamamoto begann den Körper zu untersuchen. Jojima beugte sich neben den Doktor. „Drei Einschüsse. Zwei im Brustbereich. Der erste dürfte das Herz nur knapp verfehlt haben, das schließe ich aus der Austrittswunde. Der zweite hat vermutlich einen Lungenflügel schwer beschädigt, und der dritte...“ Er deutete auf den Kopf. „Sie sehen ja selbst.“ Jojima betrachtete die Leiche genau. „Ziemlich kaltblütig.“ sagte Yamamoto. „Ich kann ihnen nur zustimmen, Doktor.“ Der Inspektor wandte sich an einen Uniformierten. „Haben sie irgendwelche Hinweise auf seine Person gefunden?“ Dieser reichte ihm eine Brieftasche. Jojima streifte sich seine Gummihandschuhe über. „Mal sehen. Ein Parkticket, 200 Yen, ein Foto, wirklich hübsche Frau, dann noch ein paar Kreditkarten, und hier ein Ausweis. Oh, nein.“ Die Miene des Polizisten verzog sich noch stärker. „Was steht auf dem Ausweis?“ wollte der Arzt wissen. Der Inspektor hielt den Ausweis vor Yamamoto's Gesicht. „NERV, Kaji Ryoji, taktische Abteilung, Sonderbeamter der UN.“ Jojima gab die Brieftasche zurück an den Uniformierten, dieser steckte sie in einen kleinen Plastiksack. „Da kommt jede Menge Arbeit auf sie zu, Inspektor.“ Mit einem grimmigen Gesichtsausdruck antwortete er. „Das ist nicht gut. Ein toter UN-Beamter, dazu noch von NERV, dieser super streng geheimen Organisation, wird hier an diesen gottverlassen See aufgefunden. Wenn dieser Fall nicht schleunigst aufgeklärt wird, werden garantiert Köpfe rollen.“ „Dann passen sie auf, das ihrer nicht rollt.“ scherzte Yamamoto. Der Inspektor beachtete diese Bemerkung gar nicht, sondern trieb seine Leute noch mehr an. „Ich will das komplette Programm hier. Ihr werdet alles im Umkreis von vierzig Kilometern untersuchen. Gründlich untersuchen. Jeder noch so kleinen Spur wird nachgegangen. Ryo, ruf im Hauptquartier an, man soll das UN-Kommando und NERV verständigen. Mach in der Zentrale Druck. Wir brauchen alle verfügbaren Männer der Mordkommission. Dieser Mordfall ist von aller höchster Priorität. Dr. Yamamoto, sie sind mir für die Autopsie verantwortlich. Ich will den Autopsie Bericht noch heute auf meinen Schreibtisch liegen haben. Wir brauchen eine Tauchmannschaft die den Grund des Sees absucht. Ich erwarte von jeden, daß er seine Aufgaben gründlich und präzise erledigt. Stellt euch schon mal auf Überstunden ein. Professionalität und Effektivität ist bei dieser Untersuchung entscheidend. Ich kann euch eines versichern: Sobald die Regierung von der Sache erfährt, von NERV und der UN will ich gar nicht erst reden, wird der Druck auf unsere Abteilung enorm werden. Wir müssen den Mord an diesem NERV-Beamten so schnell wie möglich aufklären, oder viele von euch können sich nach einem neuen Beruf umsehen. Verstanden?!“ Ein einstimmiges: „Jawohl, Sir!“ ertönte. Die Beamten begannen noch hektischer und energischer zu arbeiten. Jojima's Blick war wieder auf den leblosen Körper gerichtet. Die zwei Sanitäter hoben Kaji's Körper auf die Trage. Dr. Yamamoto deckte ihn mit einer Decke zu.
Eine halbe Stunde verging. Der Inspektor kritzelte etwas in sein Notizbuch. Nachdenklich klopfte er mit einem Bleistift auf das schwarze Buch. >Was hast du hier draußen gesucht? Wahrscheinlich hat man ihn woanders erschossen, dann zum See gebracht und....< „Inspektor! Inspektor!“ Ryo, sein Assistent, lief mit einem Handy auf Jojima zu. „Inspektor. Es ist der Chief Inspektor.“ Mit einer stummen Geste, gab er das Handy seinem Vorgesetzten. „Jojima.“ „Hier Chief Inspektor Leung. Ich habe soeben mit der UN-Kommandozentrale gesprochen. NERV und die UN scheinen sich darüber zu streiten, wer die Ermittlungen leiten soll.“ „Chief, ich dachte, ich wäre für die Untersuchung zuständig?“ „Das sind sie auch noch. Aber die UN schickt ihnen einen Offizier der Special Forces.“ „Die Special Forces? Ist dieser Mord vielleicht eine Nummer zu groß für unsere Abteilung? Warum schicken die nicht gleich ein ganzes Bataillon?“ fragte er zornig. „Die wollen, das wir unsere Arbeit gründlich machen. Dieser UN-Offizier soll uns doch nur etwas auf die Finger schauen. Es ist mir zwar auch nicht recht, doch dieser Befehl kam von ganz oben.“ „Also gut. Sonst noch etwas Chief?“ „Das wäre alles.“
Ryo, der neben ihm stand, fragte: „Die machen ja einen ganz schönen Wirbel um die Sache.“ Jojima reichte ihm sein Handy. Ryo bemerkte, das sich auf Jojima's Stirn Falten bildeten. „Worüber denken sie nach, Inspektor?“ „Etwas paßt hier nicht zusammen.“ „Was meinen sie?“ „Das ganze Szenario hier. Wenn es sich um einen so wichtigen Mitarbeiter von Nerv handelt, wieso will unbedingt die UN die Ermittlungen führen? Seit wann wird bei einem Mord an einem UN-Beamten gleich der ganze Krisenstab zusammengerufen? Die Sache stinkt. Ich möchte fast meinen unser Toter hier, hat ein Geheimnis zu verbergen.“ Erstaunt antwortete Ryo. „Wirklich? Ich glaube eher sie spinnen sich wieder ihre eigenen Theorien zusammen.“ „Wer, weiß. Nicht jeder ist so, wie wir ihn sehen. Jeder Mensch hat zwei Seiten. Eine zeigt er nach außen, die andere nur nach innen.“ Diese geheimnisvolle Aussage brachte Ryo fast um den Verstand. >Was soll das jetzt wieder heißen? Jojima versucht wieder seine eigene Technik anzuwenden. Der Kerl kann doch nicht immer gewinnen.< „Was soll uns das helfen?“ Jojima machte wieder sein berühmtes, ernstes „gleich erlebst du was“ Gesicht. „Das verstehst du noch nicht. Sieh zu, daß hier alles genau nach Vorschrift erledigt wird.“ Der Inspektor ging auf den Wald zu. „Was haben sie vor, Inspektor?“ „Ich werde mit Takahashi reden. Vielleicht ist ihm etwas besonders aufgefallen. Zum Beispiel verdächtige Geräusche oder ein Fahrzeug, das bei seinem Haus vorbeifuhr. Es gibt schließlich nur einen Weg hierher. Ich glaube kam das unser Mörder die Leiche bis hier her getragen hat.“ Er zeigte auf die Berge. „Der Mörder kann ihn nur durch den Wald bis zum See getragen haben. Diese Hügelformationen hat er sicher nicht passiert. Seht euch nach Fußspuren im Wald um.“ „Das dürfte jetzt etwas schwer werden, nachdem mindestens 20 Leute durchgegangen sind. Sollen wir von jedem Fußabtritt einen Abdruck machen?“ „Natürlich. Und solltest du auch nur einen Abdruck übersehen, kannst du deinen alten Platz im Archiv wieder haben.“ Jojima verließ den Tatort. >Nein, leicht wird es bestimmt nicht einen Hinweis zu finden.
Dienstag. 10:23 Uhr.
Gegen drei Uhr früh schlief Misato endlich für ein paar Stunden ein. Shinji war es gelungen ihr aufzuhelfen und sie auf einen Stuhl zu setzen. Shinji hatte mühe gehabt, sie aufzurichten. Sie drückte sich immer mehr an ihn und begann zu flüstern: „Wir haben nur noch uns Shinji. Ich habe nur mehr dich.“ Wieder rannen Tränen über ihre Wangen. Sie nahm sich ein Taschentuch aus ihrer Jacke. Mehrmals fuhr sie damit über ihr Gesicht. >Misato wartet das ich ihr etwas tröstendes sage. Ich...ich weiß nicht, was ich tun soll.< Pen-Pen blickte verstohlen aus seinen Kühlfach.
Das Gefühl der Trauer war für die beiden fast unerträglich. Shinji hatte zwar keine Träne vergossen, doch Misato wußte wie er sich im Inneren seines Herzen fühlte. >Du brauchst nicht zu weinen Shinji. Ich verstehe dein Gefühle. Bitte, gib du mir jetzt die Kraft die ich dir schon so oft gegeben habe. Ich habe dir zuviel aufgebürdet, meine Anschauungen, aber auch meine Rache. Verzeih mir.< Misato und Shinji blickten sich lange an. Beide teilten vermutlich die selben Gedanken. Innerlich sagten sich beide. „Ich verstehe deinen Schmerz. Ich kann ihn fühlen.“ Misato überwand einen Augenblick ihre Trauer und ging in ihr Schlafzimmer. Sie ließ sich ins Bett fallen. >Wieso passiert das? Kaji, weißt du was du mir angetan hast? Zuerst verliere ich meinen Vater, dann dich. Ich kann nicht mehr.< Sie versuchte ihre Augen zu schließen. Sie dachte zurück an die letzte, gemeinsame Nacht mit Kaji.
Shinji stand vor ihrer Tür. Sie bemerkte ihn erst, als er sich auf eine Stuhl neben ihres Bettes, setzte. Misato suchte die nähe von jemanden. „Soll ich hier sitzenbleiben. Hilft dir das etwas, Misato?“ fragte er vorsichtig. Sie nickte ihm zu. Shinji fühlte sich komisch. Noch nie war er einer anderen Person so nahe gewesen. Der Verlust und die Trauer verbanden ihn und Misato auf eine einzigartige Weise. Er hatte auch einen geliebten Menschen verloren. Seine Mutter. Shinji erinnerte sich nur teilweise an sie. Ihre sanfte Stimme, ihre zarten Berührungen, ihr Kuß, den sie ihm vor dem Einschlafen gab, an diese Dinge konnte er sich gut erinnern. Bei seiner Mutter hatte er nie vor etwas Angst zu haben brauchen. Sie fehlte ihm sehr.
Misato schlief jetzt. Auch Shinji schloß seine Augen. >Wie wird Asuka damit klar kommen? Ich weiß, sie war doch in Kaji verliebt.< Nach einiger Zeit schlief auch er ein.
Gegen halb elf wurde Shinji von einem Geräusch geweckt. Er zwinkerte mit den Augen. Misato war schon aufgestanden und saß in der Küche. Sie trug noch immer ihren schwarzen Rock und die dunkle Blouse. Shinji hörte Kaji's Stimme. Er ging in die Küche und sah wie Misato dicht neben dem Anrufbeantworter saß. Sie hörte sich zum zweitenmal Kaji's letzte Nachricht an. Keiner von den beiden sagte etwas. Da ging die Eingangstür auf. Asuka stolzierte in die Küche. „Ich habe mir den Rest des Tages frei genommen. In der Schule war es wieder total ätzend.“ Misato blickte Asuka nicht einmal an. Auch Shinji wand den Blick gleich wieder von ihr ab. „Was macht ihr beide für ein Gesicht? Misato, bist du immer noch sauer weil ich bei Hikari übernachtet habe? Was ist mit dir Shinji? Das du immer eine Sonderbehandlung erhältst ist mir schon klar. Der große Shinji darf, wenn er wieder mal seelischen Kummer hat, zu hause bleiben, nicht wahr?“ Triumphierend setzte sich Asuka auf einen Stuhl. „So, jetzt sagt mir aber endlich, was hier los ist.“ Misato nahm das Band aus der Maschine, gefolgt von Asuka's mißtrauischen Blick. Ein ernster Blick traf Asuka. Misato kämpfte wieder mit ihren Tränen. „Asuka, es geht um Kaji...er...er...“ wieder kam sie ins stocken, fuhr mit beiden Händen durch ihr Gesicht und sagte mit leiser Stimme: „Kaji ist tot.“ Asuka fuhr zusammen. Vorbei war ihr lässiges und hochnäsiges Gehabe. Das konnte nicht sein! „Was redest du da für einen Unsinn, Misato?!“ „Es ist wahr. Kaji hat sich auf ein gefährliches Spiel eingelassen und einen hohen Preis dafür bezahlt.. Es tut mir leid, Asuka.“ „Was soll dieser Mist!“ Sie begann hysterisch zu werden. Von der klar denkenden und hochgelobten Pilotin von EVA 2 kam ein Satz, der Misato noch mehr verletzte: „Ich hasse dich! Es ist sicher deine Schuld das Kaji nicht mehr lebt. Nur deine Schuld!“ Misato wollte aufstehen, versuchen Asuka zur Vernunft zu bringen. „Faß mich nicht an! Laßt mich in Ruhe! Ich hasse euch alle!!“ Weinend lief sie in ihr Zimmer. Misato wollte etwas zu Shinji sagen, doch auch er verschwand in seinem Zimmer. Misato senkte ihren Kopf. >Ich habe versagt. Asuka haßt mich jetzt noch mehr.< „Pen-Pen.“ Sie streichelte ihn zart. „Was soll ich nur machen?“
Die Befragung des alten Mannes und seines Enkel verlief für Jojima erfolglos. >Ich wußte doch, die haben alle nichts gesehen.< Auch die Nachbarn hatten nichts bemerkt. Kein Auto, keine verdächtigen Geräusche, nichts. Es gab doch nur diesen einen Weg zum See. >Es ist doch immer das gleiche. Sobald die Polizei fragen stellt, kann sich niemand an etwas erinnern, keiner hat was gesehen, und so weiter... Es könnte aber auch sein das die Nachbarn die Wahrheit sagen. Schließlich wohnt in dem ersten Haus nur eine 80 Jahre alte Frau, im nächsten ein Ehepaar, das fünf Jahre älter ist.< Der Inspektor seufzte. >Jetzt kann ich nur abwarten was die Spurensicherung herausfindet.< Er holte sein Handy heraus und ließ sich mit Chief Inspektor Leung verbinden. „Chief Leung.“ „Jojima hier. Chief, ich brauche unbedingt eine Genehmigung von der UN, damit ich mit den Leuten von NERV sprechen kann.“ „Ich glaube nicht das sie Zutritt zum Geosektor erhalten, aber ihr Verbindungsmann wird das regeln.“ „Was für ein Verbindungsmann? Sie meinen diesen UN-Offizier. Wer ist es denn? Haben sie schon einen Namen oder eine Nummer, wo ich ihn erreichen kann?“ Der Chief machte eine kurze Pause. „Sie treffen ihn heute nachmittag um drei. Warten sie vor dem UN-Haupquartier in Tokyo, Abteilung 3. Ich weiß noch nichts genaues, aber das Ministerium scheint sich eingemischt zu haben. Trotzdem hat mir die UN versichert, sie erhalten einen erstklassigen Partner.“
Kapitel 2 - Das Treffen
Dienstag. 13:00 Uhr. UN-Kommando Zentrale. Aufsichtsabteilung NERV.
„Es muß eine undichte Stelle im japanischen Innenministerium gewesen sein. Nur dort kannte man seine wahre Klassifikation. Nicht einmal unsere Abteilung kannte sie. Der brutale Mord an Kaji Ryoji erfordert eine umfassende Ermittlung...“ Der Innenminister schnitt dem General das Wort ab. „Ja. Aber diese Ermittlung wird vom Ministerium geführt. Wir haben ein Team, daß sich der Sache annehmen wird.“
„Hören sie, Herr Minister. Nerv steht noch immer unter UN Aufsicht. Die UN wird also den Mord untersuchen.“
„Warum sollte ich dem zustimmen.“ fragte der Minister erregt.
„Ganz einfach. Wenn das Innenministerium die Untersuchungen führt, verunsichern wir Ikari noch mehr. Wie sie bereits vorher am Telefon sagten, war ihr Mann etwas großem auf der Spur. Es war der, der, genau, der Plan zur Optimierung der Menschheit. Wenn also die Regierung bei Nerv nachforscht, könnten wir Ikari vielleicht zu unüberlegten Schritten leiten, die das Leben von Tausenden Menschen kosten könnten. Lassen wir Ikari in seinen Glauben das alles nach Plan verläuft. Dementieren sie, Kaji Ryoji sei ein Spion gewesen, falls NERV irgendwelche Gerüchte verbreitet. Es geht hier um Mord an einem UN-Beamten. Wir klären das, aber nebenbei werden wir nachforschen, was ihr Mann für Informationen gesammelt hat. Sind sie damit einverstanden?“
Der Minister nickte zustimmend. Die beiden reichten sich die Hände. „Sie informieren mich doch über die Fortschritte die ihr Team macht?“
„Aber natürlich, Herr Minister. Ich hatte aber nur an eine Person gedacht, die den Fall untersuchen soll.“
„Nur eine Person?“ Der Minister wurde mißtrauisch.. „Wer soll das sein?“
„Ich dacht an Lieutnant Colonel Nicholas Lang.“
„Sie meinen den Verhandlungsführer von Tokyo?“
„Genau den.“
„Also gut, General. Ich verlasse mich auf sie.“
„Ich werde sie nicht enttäuschen.“
Der Minister verließ das Büro. Der General setzte sich. Er griff zum Telefon. Am anderen Ende meldete sich eine harte und emotionslose Stimme.
„Ja.“
„Es hat alles genau nach Plan funktioniert. Der Minister hat zugestimmt. Lt. Col. Lang wird die Ermittlungen leiten.“
„Sehr gut.“
Die Stimme am anderen Ende der Leitung beendete das Gespräch. Der General legte ebenfalls auf. >Lorenz hatte recht. Die Regierung läßt sich leicht auf eine falsche Fährte locken. Lt. Col. Lang. Hah. Der kann froh sein, daß er überhaupt noch eine Uniform tragen darf.< Er drückte auf eine Taste neben dem Hörer.
„Ja, General. Was kann ich für sie tun, Sir?“
„Verbinden sie mich mit Lt. Col. Lang.“
„Sofort, Sir.“
Nick Lang schlief wie gewöhnlich um diese Zeit. Seit er von der UNO auf unbestimmte Zeit beurlaubt wurde, verbrachte er seine Tage und Nächte nur mit fernsehen, lesen, hin und wieder betrieb er etwas Sport. Die meiste Zeit blieb er zu Hause. Für einen UN-Offizier war er erstaunlich ungepflegt. Er hatte sich seit drei Wochen nicht mehr rasiert. Ein neuer Haarschnitt wäre auch schon fällig.
Vor zwei Monaten wurde er vom Dienst „beurlaubt“. >Es ist wirklich interessant. Zwei Monate in denen ich nichts gemacht habe. Keine Aufträge, keine neuen Befehle. Wie lange die mich hier wohl noch unter „Hausarrest“ stellen? Na, ja. Zumindest trifft das Gehalt noch immer pünktlich am Konto ein.< Lang wußte vor lauter Langeweile gar nichts anzufangen. Er kratzte sich an seinem Bart. > Sollte ich mich rasieren? Nein. Liegenbleiben? Ja!< Gerade als sich Lang wieder in seinem Bett hin- und her wälzte, läutete sein Handy. Halb verschlafen drückte er die OK-Taste.
„Ja.“ sagte er mit einer verschlafenen Stimme.
„Lt. Col. Lang? Hier spricht General Yang. Ich möchte ihnen nur mitteilen, das sie wieder eingesetzt werden. Wir treffen uns um 14:00 Uhr. UN-Kommandozentrale. Sicherheitsabteilung 3.“
„Die Nerv Aufsichtsabteilung? Was wollen sie von mir? Ich gehöre zur Sondereinheit für Strafsachen innerhalb der UN. Was geht mich das an? Soll ich den Eva's das Strafgesetzbuch einprogrammieren, oder was?“ Lang's Stimme wurde lauter.
Der General gab sich noch immer freundlich. „Hören sie mir jetzt genau zu, Lang. Es gab einen Mord. Ein Mitarbeiter von Nerv, Kaji Ryoji wurde heute morgen in der nähe des Zhing Sees tot aufgefunden. Ein alter Mann, der gerade mit seinem Enkel beim Fischen war, fand die Leiche zufällig. Alles weitere möchte ich nicht am Telefon besprechen. 14:00 Uhr. Seien sie pünktlich.“
Lang's Interesse an einer neuen Tätigkeit, war wieder erweckt worden.
„Selbstverständlich, General.“
Während Yang den Hörer zufrieden auflegte, begab sich Lang unter die Dusche.
Kurz vor zwei Uhr betrat Lang das Hauptquartier der UN. Seine Rasur war perfekt, er bedauerte nur, das er keine Zeit mehr für den Frisör hatte. Das 30 Stock hohe Gebäude machte auf ihn noch immer den gleichen Eindruck wie vor fünf Jahren, als er es zum Ersten mal sah. Es passte ziemlich gut in die von Hochhäusern verbaute Stadt. Die Sonne hatte sich verzogen, Wolken bedeckten nun den Himmel. >Sieht nach Regen aus.<
Der Wachposten vor dem Aufzug konnte sein erstauntes Gesicht schwer verbergen, als Lang den UP-Knopf drückte. „Kann ich ihnen helfen, Private, oder salutiert man nicht mehr vor einem Vorgesetzten.“ Der Soldat versuchte sich so gut es ging, herauszureden. „Verzeihen sie, Sir. Ich war überrascht einen, ähh.., so berühmten .. ich meine..ähh...“ Am liebsten wäre der Private vor Scham im Boden versunken. >Oh, nein. Ich dachte Lang wäre schon aus der UN hinausgetreten worden.< Nick schenkte dem verlegenen Posten keinen Blick, während er auf den Aufzug wartete.
Im Aufzug rückte Lang noch sein Namensschild zurecht, wischte mit der rechten Hand nochmals über seine hellgraue Uniform und setzte sein schwarzes Barett auf. Die goldenen Buchstaben und Formen auf der Kopfdeckung zeigten eine Weltkugel, daneben konnte man das Wort UNSF, erkennen. Als er den Aufzug verließ, fiel ihm eine merkwürdige Person auf. Er schätze sie auf ungefähr 30 Jahre alt. 1,75 m groß, Statur normal, kurz geschnittenes, schwarzes Haar. Sein dunkelblauer Anzug wies leichte Schmutzspuren auf, die Schuhe waren etwas mit Erde, Sand und etwas Lehm verdreckt. Lang musterte den Mann genau. Sein Gegenüber blickte ihn etwas verwirrt an. Nick lächelte und klopfte dann an die Tür von General Yang. „Kommen sie rein, Lang.“ Inspektor Jojima wunderte sich über den Mann, der gerade das Büro betreten hatte. Auf der rechten Ärmelseite war eine Abbildung der rot-weiß-roten Fahne zu sehen. Unterhalb der Fahne stand in schwarzen Farben AUSTRIAN MILITARY. >Merkwürdig. Was hat ein gaijin hier zu suchen? Ist mir ja ganz was neues, das hier in Japan österreichische Soldaten stationiert sind. Man lernt nie aus.<
Lang sah ein bekanntes Gesicht im Raum. Sein ehemaliger Vorgesetzter, Colonel Deveraux, französisches Militär, stand neben General Yang. Jean Deveraux war 55 Jahre alt. Fünf Jahre noch, dann trat er in den wohlverdienten Ruhestand. Nick und er hatten sich immer prächtig verstanden. Fast wäre Lang der Stellvertretende Offizier von Deveraux geworden, doch diese Sache vor vier Jahren, hatte sich nicht so leicht bereinigen lassen.
Lang salutierte. „Lt. Col. Nicholas Lang meldet sich wie befohlen, General.“ Yang erwiderte den Gruß und setzte sich auf seinen Stuhl. Jean nahm ebenfalls Platz. An der rechten Wand des Büros befanden sich zahlreiche Auszeichnungen und Belobigungen die Yang erhalten hatte. Der General blickte stolz auf das Bild, das ihn und den Präsidenten der USA zeigte. Die linke Wand war voll mit Geländekarten, einer Luftaufnahme des Geosektors, Aufnahmen der Evangelions im Kampf, Bilder der Piloten aber auch mehrere Fotos der sogenannten Engel. >Wie mag sich so ein Kind fühlen, wenn es diese Kampfmaschine steuert? Es ist unglaublich, das Schicksal einer ganzen Welt, in den Händen von Kindern.<
General Yang deutete auf eine Stuhl. „Nehmen sie Platz, Lt. Col.“ Nick nahm sein Barett ab und setzte sich. Auf dem Schreibtisch lag eine braune Mappe mit der Aufschrift: FOR AUTHORIZED PERSONAL ONLY. Yang schlug die erste Seite auf. Es war ein Lebenslauf von Lang. „Was haben wir hier?. Nicholas Lang, geboren 1980 in der Steiermark, Abschluß einer kaufmännischen Schule, trat 1998 in den Militärdienst ein. Ausbildungsschwerpunkt: Taktik. Hervorragende Qualifikationen, man schlug ihm die Offiziersakademie vor. Sie meldeten sich aber 1999 freiwillig für das erste UN-Kontingent in Japan, das nach dem großen Erdbeben fast in Trümmern lag. Dort waren sie für die Versorgung der Hauptstadt Tokyo zuständig.
Nach dem Second Impact waren sie einer der jüngsten Offiziere der UN. Mit 23 waren sie bereits Lieutnant. Sie wurden den Special Forces der Infanterie zugeteilt. Durch ihr schnelles Eingreifen und ihrer Planung retteten sie 2005 über vierzig Menschen das Leben, die in der Gewalt von Regierungsgegnern gefangen gehalten wurden. Als sich die Menschheit wieder stabilisierte, wurden sie 2007 dem taktischen Kommando überstellt. Ihr Dienstgrad war Captain. Sie hatte eine beeindruckende Karriere hinter sich. Jeder ihrer Ausbilder und Kameraden lobte ihre Entschlossenheit, Führungsqualität und Einsatzbereitschaft für andere Menschen. 2010 wurden sie zum Major befördert. Auch auf dem Gebiet der Verhandlung mit Terroristen oder gegnerischen Armeen waren ihre Fortschritte bemerkenswert. Am 04. Juli 2011 kam es hier in den Räumen des Hauptquartiers zu einer Geiselnahme. Drei japanische Soldaten nahmen den damaligen Präsidenten und seine Familie, der sich auf einer PR-Tour befand, als Geisel. Ihnen gelang es, nach zwanzig Stunden die Geiselnehmer zur Aufgabe zu überreden. Als man sie drei Wochen später zum Lt. Col. befördern wollte, sagten sie dem UN-Oberbefehlshaber, er könne seine Auszeichnungen mitnehmen und sie sich sonst wohin stecken.“ Yang machte ein ernstes Gesicht. Lang verzog keine Miene sondern meinte: „Ich würde ihm das gleiche sagen, wenn er hier wäre, aber er hat sich ja bei dieser Geschichte einen großen Namen gemacht und ist später zur NNSC gegangen.“ Yang blickte fragend zu Deveraux. Dieser lächelte und holte seine Pfeife hervor. „Nun, ja. Als man sie dann später öffentlich ehren wollte, sagten sie wörtlich: „es wäre besser gewesen, man hätte die drei Soldaten gleich erschossen, als das was, man ihnen jetzt antut“. Wegen dieser Aussage wurden sie einen Monat lang vom Dienst suspendiert, dann strafversetzt zur Abteilung für Rechtsangelegenheiten.“ Nick sah uninteressiert im Raum umher. „Ihre Vorgesetzten haben sich mehrmals über sie beschwert. Am 3. Jänner 2015 schlugen sie einen Offizier der JSSDF Hospital reif. Einen weiteren Soldaten brachen sie die Nase, den zweiten schleuderten sie sogar in ein Schaufenster. Seit diesem Vorfall sind sie vom Dienst suspendiert worden.“ Der General schloß die Akte. „Deshalb haben sie mich herkommen lassen? Ich soll mir meine ganzen Fehler anhören? Blödsinn! Wissen sie auch, weshalb ich die drei verprügelt habe?“
„Ich habe das Gefühl, ich werde es gleich erfahren.“ Nick seufzte. „Ich war gerade auf dem Heimweg, als sich ein kleines Mädchen vor mein Auto stellte. Sie blutete aus Mund und Nase, ihr Kleid war an einigen Stellen zerrissen.“ Nick warf einen Blick auf die Akte, dann zu Deveraux. „Das Mädchen sagte, drei Männer würden ihre Mutter vergewaltigen. Sie führte mich zu einer Seitengasse, wo zwei Soldaten gerade dabei waren, die Frau zu schlagen. Der dritte sah zu und trank aus einer Whiskeyflasche. Später erfuhr ich dann, das es sich um die Frau des Offiziers handelte. Sie wollte sich von ihm scheiden lassen, er war aber dagegen. Auf diese Art wollte er sie bestrafen und demütigen. Ich entschloß mich einzuschreiten. Der Rest steht in den Unterlagen des Krankenhauses.“
Jean konnte sich ein lachen nur schwer verhalten. General Yang wurde vor Empörung fast rot. „Alles weitere wird ihnen Colonel Deveraux erklären. Ich habe noch eine dringende Sache zu erledigen.“ Yang stand auf, ebenso Nick und Jean. Beide salutierten als der das Büro verließ.
„Du solltest dir deine Bemerkungen ab und zu verkneifen.“ witzelte Jean.
„Was für Bemerkungen?“ Er klopfte Lang auf die Schulter. „Kommen wir zu deinem Auftrag. Du sollst den Mörder von Kaji Ryoji so schnell wie möglich ausfindig machen und ihn der UN übergeben. Unser Nachrichtendienst vermutet, dieser Mord hatte einen politischen Hintergrund.“
„Ein politischer Grund? Wie kommen die auf so was?“ Deveraux wurde ernst. „NERV hat sich ziemlich viele Feinde gemacht. Die Zahl der Menschen die ihre Häuser und Wohnungen verloren haben, seit dieser Kampf zwischen den Engeln tobt, steigt ins Unermessliche. Die Anzahl der Opfer durch Angriffe der Engel ist zwar nicht so hoch wie erwartet, aber es bleiben unschuldige Menschen, die der Gefahr ausgesetzt werden. NERV konnte nicht immer alle Leben retten. Als Beispiel sei der Transport von EVA-02 angeführt. Unsere halbe Flotte ist damals vernichtet worden.“
Jean holte aus seinen Aktenkoffer mehrere Umschläge und Mappen. „Hier findest du alle Informationen über NERV. Die Mappen enthalten Fotos und Beschreibungen der einzelnen Personen. In diesem Kuvert ist deine Vollmacht. Du hast das Recht mit allen NERV-Leuten zu sprechen und darfst gewisse Sicherheitsbereiche passieren.“ Nick runzelte seine Stirn. „Nur gewisse, also nicht alle. Will NERV etwas vor uns verbergen?“
„Das sollst du herausfinden. Dieser mysteriöse Mordfall erfordert Fingerspitzengefühl.“ Lang nahm das Informationsmaterial unter die Arme. „Warum hat man mich eigentlich hinzu gezogen?“ „Du hast das nötige „Taktgefühl. Du kannst mit solchen Situationen umgehen.“ Mißtrauisch fragte Lang: „Bist du sicher? Es gibt genügend andere, die auch qualifiziert wären.“
Deveraux antwortete: „Ich wollte dir einen Gefallen tun, Nick. Die UN will dich auf ewig beurlauben. Wenn du den Fall aufklärst, könntest du endlich wieder etwas mehr Selbstvertrauen bekommen, deine Karriere etwas fördern.“ Lang nickte mehrmals.
„Oh, ja. Von der Seite betrachtet.“
„Diese Antwort klang nicht sonderlich begeisternd.“
„Das hört sich nur so an. Innerlich bin ich vor Begeisterung kaum zu bremsen. Noch etwas?“ antwortete Nick.
Deveraux ging auf die Tür zu. „Du wirst mit Inspektor Jojima von der Mordkommission zusammenarbeiten.“
„Haben wir jetzt so eine Art „Austauschprogramm“ zwischen Armee und Polizei entwickelt?“ fragte Lang.
„Nein, aber er wird die Ermittlungen hier in Tokyo leiten, du konzentrierst dich auf den Geosektor. Nur wenige vom Militär erhalten Zutritt zu NERV. Die Polizei hat keine Zuständigkeit im Sektor.“
„Verstanden, Sir.“ Die beiden reichten sich die Hände. „Viel Glück, Nick.“ Er lächelte. „Nochmals danke, Jean. Du hast ja keine Ahnung wie langweilig es ist, wenn man nur wartet was als nächstes passiert. Mein Haus kam mir schon wie ein Gefängnis vor.“ Als Lang und Deveraux das Büro verließen, ging Jojima ungeduldig den Gang auf und ab. Seit einer Stunde mußte er schon auf seinen Verbindungsoffizier warten. „Inspektor Jojima.“ Jean schritt auf ihn zu. „Ja?“
„Inspektor, ich möchte ihnen Lt. Col. Nick Lang vorstellen. Er wird ihr Verbindungsmann sein.“ „Freut mich sie kennenzulernen, Inspektor.“ Nick reichte ihm die Hand. „Entschuldigen sie, das wir sie so lange warten ließen, es gab noch ein paar wichtige Dinge zu klären.“ Jojima war angenehm überrascht. Sein erster Eindruck von Lang war weniger erfreulich gewesen. Er schätze ihn als überheblich und eingebildet. Dies war offensichtlich nicht der Fall. Freudig schüttelte er seine Hand. „Inspektor Masamoto Jojima, Mordkommission Tokyo. Auf gute Zusammenarbeit.“
Gemeinsam gingen Nick und Masamoto Richtung Aufzug. Der Inspektor warf einen interessierten Blick auf die Aktenstapel. Lang wandte sich zu ihm und sagte: „Tut mir leid, einige dieser Informationen sind streng geheim. Ich kann sie ihnen nicht zeigen.“ Enttäuscht nickte Jojima. Nach wenigen Sekunden öffnete sich die graue Stahltür des Aufzuges. Nick drückte den Knopf für die Tiefgarage. „Also, Inspektor Jojima, was haben sie bereits herausgefunden?“ Er holte seinen Notizblock heraus, blätterte einige Male vor und zurück, dann sagte er: „Bis jetzt noch nicht viel. Ich warte noch auf den Autopsie Bericht, die Spurensicherung hat sich auch noch nicht gemeldet. Was definitiv ist, der Tote wurde nicht am See erschossen. Jemand muß seine Leiche dort hingebracht haben. Die Befragung der näheren Bewohner verlief negativ.“ Lang seufzte. „Ich kenne den Zhing See. In dieser Umgebung gibt es außer Wald, Wiesen und Berge nicht viel zu sehen.“ Jojima steckte seinen Block zurück in die Tasche, dann griff er sich an die Stirn. „Wie geht es jetzt weiter, Lt. Col.?“ Nick warf einen Blick auf seine Uhr. „Ich möchte gerne ein paar Dinge klären.“ Der Inspektor blickte ihn verwundert an. „Erstens. Nennen sie mich Nick, ersparen sie mir das ewige Lt. Col. Zweitens. Ich werde zu ihnen so offen über den Fall sprechen, wie ich es kann. Dasselbe erwarte ich von ihnen. Drittens. Wir sollen gemeinsam ermitteln. Kein Problem. Sollten sie aber vorhaben mich in irgendeiner weise zu hintergehen, oder mir Informationen vorenthalten, möchte ich nicht in ihrer Haut stecken. Sind sie damit einverstanden?“ Jojima war etwas verwirrt über die plötzliche Veränderung von Nick. >Ein seltsamer Typ.< Sie hatten das Parkdeck erreicht. Beide Männer blieben noch eine kurze Zeit im Lift stehen. „Ich bin damit einverstanden, Nick. Ich hoffe nur sie halten sich ebenfalls an unsere Abmachung.“ Lang trat aus der Kabine und sagte: „Natürlich.“ Nick ging auf seinen dunkelblauen Mazda zu. Ein typisches Dienst Fahrzeug der UN. Lang wunderte sich wie „unauffällig“ der Fuhrpark war. Man könnte fast meinen er stand in einem Autohaus für Neureiche. Die Parkplätze waren an der Mauer beschildert. Lang ging die Namen kurz durch. Er kannte sie alle noch. Die Parkreihe bestand nur aus Leuten des taktischen Kommandos. Die Fahrzeugpalette reichte von BMW bis Porsche. >Luxuriös. Luxuriös. Die höheren Herrschaften der UN lassen es sich gut gehen.< Die Türen des Mazda öffneten sich automatisch. „Also, Masamoto. Hier trennen sich unsere Wege fürs erste.“ Nick legte die Akten auf den Beifahrersitz und stieg ein. „Ich werde NERV einmal einen Besuch abstatten. Hier ist meine Karte. Die Handynummer ist links oben.“ Jojima's Blick fiel zufällig auf einen Umschlag mit der Aufschrift NERV PERSONAL. „Nick, könnte ich vielleicht mal einen Blick in diese Akte machen. Wir haben nämlich in der Brieftasche des Ermordeten ein Foto einer Frau gefunden. Vielleicht arbeitet sie ja bei NERV.“ Lang griff nach der Akte. Er blätterte durch die ersten Seiten. Diese bestanden aus den Profilen der CHILDREN. Die nächste Seite zeigte das Taktik Personal. Sofort erkannte Jojima die Frau wieder. „Das ist sie!“ Nick sah sich das Bild genau an. „Sind sie sicher?“ „Hundertprozentig.“ Nick begann zu lesen. „Hmm. Major Misato Katsuragi. Leiterin der Taktik Abteilung. Aufsichtspersonen des SECOND und THIRD CHILDREN.“ Er schloß die Akte wieder. „Wenigstens etwas.“ sagte Jojima. Nick klopfte mit seinen Fingern auf das Lenkrad. „Na, gut. Ich werde sehen was ich bei NERV herausfinde. Sobald es was neues gibt melde ich mich bei ihnen. Machen sie es gut, Inspektor.“ Er winkte Masamoto zu, dann fuhr Lang aus der Tiefgarage.
Dienstag. 16:10 Uhr.
Misato saß wieder in ihrem Arbeitszimmer und überlegte. >Kaji muß etwas großen auf der Spur gewesen sein. Ich muß hinter die wahren Absichten von NERV kommen. Ich war zu sehr damit beschäftigt mich an den Engeln zu rächen, anstatt mir Gedanken zu machen, was wirklich hinter all dem steht.<
Sie spulte das Band erneut ab. „Misato. Tut mir leid, das ich mich auf diese Weise von dir verabschiede, aber ich mache mich jetzt auf den Weg. Wahrscheinlich mein letzter Weg. Denen ist kein Menschenleben heilig. Ich habe gehofft, diese Botschaft würde dich nicht erreichen, ich käme noch rechtzeitig, doch ich habe es nicht geschafft. Die Pläne von Kommandant Ikari stehen im Gegensatz zu denen von SEELE. Ich habe einiges herausgefunden, was den Plan zur Optimierung der Menschheit betrifft. Rei spielt darin eine wichtige Rolle. Es hat meine schlimmsten Befürchtungen übertroffen.
Misato, Antworten findest auch in unserer Vergangenheit. Ich wünschte wirklich, es wäre alles anders gekommen. Sei vorsichtig. Auf wiedersehen, meine einzige Liebe.“
Viele Dinge waren für Misato noch unverständlich. Was hatte er mit der Vergangenheit gemeint? >Ich brauche etwas Hilfe.<
Ein surrendes Geräusch ließ sie ihre Gedanken abbrechen. Ihr Handy läutete. Sie durchwühlte ihre Jacke und fand es schließlich.
„Ja.“. Makoto meldete sich am anderen Ende. „Major Katsuragi?“ In Makoto's Stimme lag ein trauriger Ton. „Ich habe schlechte Nachrichten. Ich... Es...“ Er suchte nach den richtigen Worten. Misato konnte sich schon denken, was ihr Makoto schonend beibringen wollte. Sie sagte nur einen Namen. „Kaji.“
Der verblüffte Makoto fragte vorsichtig: „Sie wissen es schon?“ Misato sagte in einer ruhigen Stimme: „Ich weiß es bereits.“ Sie erzählte ihm von der Nachricht.
„Es tut mir schrecklich leid, Major.“ Für kurze Zeit herrschte eine eigenartige Stille. „Ich habe ihnen eine E-Mail geschickt. Die enthält nähere Einzelheiten. Die Polizei von Tokyo, der Geheimdienst von NERV und die UN haben bereits mit den Ermittlungen begonnen.“ Misato konnte sich vorstellen, das diese Ermittlungen garantiert im Nichts enden würden. Besonders die von NERV. „Kann ich irgendetwas für sie tun, Major?“ fragte eine besorgte Stimme. „Nein, du hast mir schon genug geholfen Makoto, danke.“ „Ich bin immer für sie da, Major Katsuragi.“ „Ich weiß.“ Sie legte auf.
Misato schaltete ihren PC ein. Die Mail war von Makoto's privater, nicht nachverfolgbarer Mail Adresse gekommen. Sie öffnete das Dokument. Die Nachricht enthielt alle bisherigen Daten der Ermittlungsbehörden, einschließlich den ersten Protokollen der Zeugenaussagen. Sorgfältig laß sie alle Seiten durch und machte sich verschiedene Notizen.
„Wie geht es Major Katsuragi?“ wollte Maya wissen. Makoto antwortete nicht. Shigeru klopfte mit einem Lineal nachdenklich auf den Tisch. „Sie wird es jetzt schwer haben. Ich habe gehört der Geheimdienst überwacht sie.“ sagte Shigeru zu Maya. Diese sah in erschrocken an. „Aber, wieso denn? Sie hat doch nichts verbrochen, oder?“ Die beiden Augenpaare wandten sich an Makoto. Er versuchte sie so gut wie möglich zu ignorieren. Angestrengt starrte er auf seinen Bildschirm. „Müßt ihr mich andauernd so anstarren? Das macht einen ja wahnsinnig.“ Makoto's Stimme klang erregt. „Beruhige dich doch. Wir wissen, was du für Major Katsuragi empfindest, es...“ Shigeru wurde von einer lauten Stimme unterbrochen. Die drei drehten sich um. Kommandant Ikari saß mit verkreuzten Finger auf seinem Stuhl. Er betätigte eine Taste auf dem Kontrolltisch, so daß man seine Stimme über Lautsprecher im ganzen Hauptquartier hören konnte. „An das Personal von NERV. Ich bin mir sicher, jeder hat bereits die Nachricht vom Tod eines Mitarbeiters unserer Abteilung erhalten. Die UN hat einen Sonderbeamten entsandt, der den Mord aufklären soll. Ich empfehle jeden einzelnen, genau zu überlegen was er sagt. Jeder kann die Aussage verweigern. Unser Geheimdienst hat sich der Sache schon angenommen. Die UN versucht uns nur etwas negatives anzuhängen. Bestimmt werden sie nach Fehlern oder ähnlichen suchen. Wir stehen zwar unter UN-Aufsicht, doch wir haben wichtigere Dinge zu tun. Das Schicksal mehrere Milliarden Leben liegt in unserer Hand.“
Ikari beendete seine Ansprache und verließ die Kommando Zentrale. Diese Ansprache sorgte für einige Verwirrung in den Reihen von NERV. Makoto, Maya und Shigeru blickten sich fragend und fassungslos an. War das ein Befehl, der UN keine Informationen zu geben. Sollten sie diesen Beamten einfach ignorieren? Für Makoto hatte es den Anschein. Doch seine Gedanken waren mehr auf Misato konzentriert, als auf die vor ihm liegenden Aufgaben. Er spielte mit dem Gedanken, sie nach der Arbeit aufzusuchen. Könnte er sie trösten? Würde der Geheimdienst ihn dann auch überwachen? Während des ganzen späten Nachmittages war Makoto extrem unkonzentriert und reizbar. Maya und Shigeru hielten Abstand zu ihrem Freund und Kollegen.
Gegen 17:00 Uhr erreichte Nick das NERV-Hauptquartier. Im Car Train studierte er die Mappen die das Hauptpersonal beinhalteten, etwas über die Hintergründe von NERV und den Kommandanten. Als er den Car Train verließ, warteten bereits zwei Agenten des Geheimdienstes auf ihn. Nick ließ die Scheibe hinunter. Der erste Agent zeigte seinen Ausweis. „Willkommen bei NERV, Lt. Col. Lang. Wenn sie mir bitte folgen würden, der Kommandant erwartet sie bereits.“ Lang nickte. „Wo kann ich meinen Wagen parken?“ Der zweite Agent deutete auf einen Parkplatz mit der Aufschrift VISITOR. Als Nick den Wagen abstellte nahm er seine Unterlagen, gab sie ihn das Ablagefach, verschloß es mit einem eigenen Schlüssel den er ihn seine rechte Brusttasche verstaute.
Die zwei Agenten geleiteten Nick durch das Parkdeck zu einem weiteren Aufzug. Lang war gespannt darauf, Kommandant Gendo Ikari zu treffen.
Fortsetzung folgt..
Diese erste Geschichte sollte nur mal die neuen Charaktere vorstellen. Ich hoffe das ist mir einigermaßen gelungen. Habe mir auch schon Gedanken über eine Fortsetzung gemacht, in der selbstverständlich Rei, Ritsuko usw. auftauchen werden. Man möge mir auch so manchen Rechtschreibfehler entschuldigen, den ich nicht gefunden habe.
Liegt vielleicht daran, daß ich an er Geschichte immer nur nachts, zwischen Mitternacht und zwei Uhr früh gearbeitet habe. *herausred*
Kritiken, Beschwerden, Wünsche, Lobeshymnen und ähnliches an: Agent.Cooper@gmx.at
Also, bis demnächst. (Hoffentlich) *g*
Danke das ihr euch die Zeit zum Lesen genommen habt.