I am back, NGE-Fans.
Und die Story geht weiter. Nach einer kreativen Schaffenspause (die auch ziemlich nötig war), setze ich die Geschichte nun fort. Ich warte schon gespannt auf eure Mails.
Kapitel 01: Das Opfer
Die Dunkelheit machte es unmöglich, irgendetwas zu erkennen. Das Licht der Lampen auf den Straßen der Geofront reichte nicht bis hierher. Nirgendwo leuchtete eine Lampe. Und natürlich schien hier auch kein Mond.
Das Zimmer lag komplett im Dunkeln. Das Mädchen war ganz allein mit sich in der Dunkelheit. Doch sie wusste, dass das nicht ganz stimmte. In diesem Zimmer lag auch er. Ikari Shinji.
Rei konnte weder etwas von der wohl spärlichen Einrichtung, noch vom Bett oder Shinji sehen. Doch sie hörte das stete Piepsen eines Herzmonitors. Sie betrat den Raum und schloss die Tür leise hinter sich. Das Geräusch kam ihr lauter vor, als es tatsächlich war. Darauf bedacht, keinen weiteren Laut zu verursachen, ging sie auf den Platz zu, wo sie das Bett vermutete. Dabei hielt sie ihre Hände in Hüfthöhe vor sich, um das Bett zu ertasten.
In dieser Situation fragte sich Rei erneut „Warum“, und sie kam sich erneut allein und verlassen vor. Verlassen von Shinji.
So hatte sie auch gefühlt, bevor er hierher zu NERV gekommen war. Rei hatte damals niemanden gehabt, mit dem sie hätte reden können.
„Gewiss, da war der Kommandant, aber...er interessiert sich auch nur oberflächlich für mich.“, dachte sie.
Rei kam dabei ein Gedanke, der weitere Fragen in ihrem Geist entstehen ließ.
„Könnte ich mit ihm, mit Shinji, reden? Ihm sagen, was ich denkt? Ihn an meinem Leben...teilhaben lassen? Damit habe ich erst wenig Erfahrungen. Und...würde er das überhaupt wollen?“
Als sie das Bett endlich in der Finsternis gefunden hatte, trat sie an dessen Seite. Das Mädchen bückte sich und griff unter das Gestell. Dort fand sie sofort den Hocker, der sich in jedem Krankenzimmer befand. Sie zog ihn hervor und ließ sich darauf nieder.
Rei blickte zum Kopfende des Bettes. Da es im Zimmer absolut finster war, konnte sie weder dort, noch sonst irgendwo etwas erkennen. Doch sie wusste, dass Shinji hier lag. Mehrere Minuten saß sie nur so da. Zuvor hatte sie sich so beeilt, um zu ihm zu kommen, doch jetzt konnte sie einfach nur dort bei ihm sitzen. Und ihre Gedanken begannen sich erneut davonzustehlen, um Rei an Orte zu führen, die tief in ihrem Inneren lagen. Das Mädchen versuchte erst gar nicht, sich auf etwas bestimmtes zu konzentrieren. Sie saß einfach nur so da in absoluter Dunkelheit und dachte nach.
„Keiner hat je versucht mich zu verstehen. Doch er...wollte mich kennen lernen, mich...verstehen.“
Und erneut war die seltsame Stimme in Rei´s Kopf erwacht, die schon zuvor mehrmals auf sie eingeredet hatte.
„Hast du ihm die Möglichkeit gegeben, dich zu verstehen?“, fragte sie leise.
„Ich...habe ihn...“
„Du weißt, dass das eine Lüge ist.“, sagte die Stimme ruhig.
„Nein, ich...Shinji hätte...“
„Was hätte er? Er hatte versucht mit dir zu sprechen, mit dir Freundschaft zu schließen. Er hat zuletzt möglicherweise sein Leben für deines aufgegeben. Was hätte er? Er kommt vielleicht nicht mehr zurück und was tust du? Was hätte er? Du schiebst die Verantwortung auf ihn indem du sagst ‚er hätte'...“
Die Stimme sagte das ganz ruhig und sachlich. Dennoch dachte Rei, ein Messerstich hätte ihr nicht mehr weh tun können.
Bis jetzt hatte sie ihre Hände auf dem Schoß behalten. Doch nun griff Rei nach Shinji´s Hand. Sie hatte sie sofort gefunden. Rei fiel auf, dass sie eiskalt war. Doch noch etwas anderes fiel ihr auf: Seine Hand war mit einem Verband umwickelt. Das Mädchen zuckte kurz zurück, als sie ihn berührte.
„Siehst du? Wegen dir musste er leiden.“, flüsterte die Stimme.
Rei trafen diese Worte erneut wie ein Messerstich.
„Aber...ich...wollte das nicht.“, flüsterte sie.
„Dann hättest du ihn schützen sollen. Du hättest es gekonnt. Aber du hast es nicht getan.“
„Was hätte ich denn tun können? Es ging alles so schnell in dem Moment.“
„Zu diesem Zeitpunkt war es schon zu spät. Du hättest früher etwas tun können.“
Rei zog die Hand des Jungen zu sich und umschloss sie mit ihren eigenen. Ihre Schuldgefühle wurden immer größer. Sie drückte Shinji´s Hand etwas kräftiger.
„Ich...hätte mit ihm sprechen können, als er es wollte. Und...auch als ich es wollte. An dem Tag, nachdem er in der Schule...geschlagen worden war.“
„Du weißt, warum er geschlagen worden ist.“, meinte die Stimme.
„Er ist geschlagen worden, weil...er EVA gesteuert hat. Das war der Grund. Er hat es getan um den Engel zu vernichten.“
„Nur deshalb? Wollte er das von Anfang an?“
„Nun...nein. Er hat sich gewehrt. Er wollte es nicht. Aber dann hat er es trotzdem getan.“
„Warum?“
„Um...“
„Ganz richtig. Um dich zu schützen. Du hättest sonst kämpfen müssen. Du bist der Grund dafür. Du bist schuld.“
„Schuld.“
„Deshalb ist er dann auch geschlagen worden.“, sagte die Stimme ihres Gewissens in ihrem Kopf.
Rei blickte zu ihrer rechten Hand. Sie konnte sie in der Dunkelheit nicht sehen, aber das musste sie auch nicht. Der Gedanke daran reichte schon.
„Ich...habe ihn auch geschlagen.“
„Und aus welchem Grund?“
„Ich...er hat Schlecht vom Kommandanten gesprochen.“
„Das ist sein Recht. Er ist schließlich sein Sohn.“
„Aber...der Kommandant hat mich aus dem Entry-Plug befreit. Er...“
„Shinji hat sein Leben für dich aufs Spiel gesetzt. Er wollte nicht, dass dir etwas geschieht. Und das, obwohl du dich ihm gegenüber so kalt verhalten hast.“
Rei packte die Hand des Jungen wieder. Diesmal noch ein wenig fester.
„Es...tut mir leid.“, flüsterte sie.
„Es tut mir leid, Shinji. Es tut mir leid.“
Diesmal blieb die Stimme stumm. Rei bemerkte das nicht einmal. Sie hielt die Hand von Shinji fest umklammert und war so weit nach vorne gebeugt, dass ihre Stirn seine Hand berührte. Ein Bild von Shinji tauchte in ihrem Kopf auf.

Das Mädchen erinnerte sich an die letzten Worte, die sie zu Shinji gesagt hatte: „Shinji... Du stirbst nicht. Ich beschütze dich.“
„Nicht einmal das habe ich geschafft. Und...jetzt ist er vielleicht tot, ...sein Körper nur noch eine leere Hülle...“
„Shinji, es tut mir so leid.“
Als Rei diese Worte flüsterte, fühlte sie etwas Sonderbares. Sie kannte dieses Gefühl nicht. Gleich darauf vergoss das Mädchen eine einzelne Träne. Sie rann ihre Wange hinab und tropfte auf das Bett des Jungen.
Rei kannte diese Gefühle alle nicht. Bevor Shinji in ihr Leben getreten war, hatte sie keine Empfindungen gekannt.
Nicht diese Wut, als sie ihn geschlagen hatte.
Nicht diese Unsicherheit, als sie mit dem Entry-Plug des verletzten Shinji zum Hauptquartier zurückgekehrt war.
Nicht diese Angst, mit der sie in Katsuragi-san´s Büro auf das Eintreffen des Arztes gewartet hatte.
Nicht diese Hilflosigkeit, als sie durch die dunklen Korridore hierher kam.
Und sie kannte auch keine Trauer. Sie hatte nie zuvor geweint.
All diese neuartigen Emotionen drangen nun mit aller Macht auf sie ein.
Rei blieb so sitzen, wie sie war. Das Mädchen rührte sich nicht, hielt aber noch immer die Hand des Jungen. Das Gefühl der Trauer blieb weiterhin bestehen. Doch diese Träne war die einzige gewesen.
„All diese...Gefühle. Was soll das bedeuten...“, fragte sich Rei.
„Shinji...er ist der Grund dafür...“, ging es ihr durch den Kopf.
„Aber...ich kann nicht sagen, dass er ‚daran schuld' wäre. Er...ist der Auslöser. Aber ich bin...schuld an dieser Situation.“
„Shinji wollte mich schützen. Eigentlich...war das...unlogisch. Ich sollte ihn vor Schaden bewahren. Doch er hat sich direkt vor mich geworfen. Er wollte, dass er alles abbekam, damit...mir nichts zustößt.“, überlegte das Mädchen.
„Aber...warum? Warum tat ein Mensch so etwas?“
Rei dachte lange über dieses erneute ‚Warum?' nach.
„Bedeute ich ihm mehr, als er sich anmerken lässt? Denkt er in einer Weise über mich, die ich nie verstanden habe, ...die ich nie verstehen wollte? Die ich nie sehen wollte? War ich so auf den Kommandanten fixiert, dass ich ihn nie bemerkt habe?“
„Wie denkst du über ihn?“, fragte die Stimme sanft.
„Ich...weiß nicht. Er redet viel und...wirkt oft unsicher.“
„Fühlst du dich sicher?“
„Ich...nein, nicht wirklich. Ich weiß nicht, wie ich mich fühlen soll.“
„Weshalb?“
„Ich bin...von seiner Unüberlegtheit überrascht. Bei den anderen Kämpfen...hat er meist richtig gehandelt.“
„Aber er hat sich und andere in Gefahr gebracht.“
„Doch seine Entscheidungen waren auch irgendwo...in Ordnung gewesen.“
„Und seine letzte Entscheidung? War sie nicht in Ordnung gewesen?“
„Nein! Ich hätte ihn schützen müssen!“
„Er wollte dich schützen. Hätte er das nicht tun sollen?“
„Nein! Es war meine Aufgabe gewesen.“
„Warum hat er es dann getan?“
„Das...weiß ich nicht.“
„Du denkst, dass es unlogisch war?“
„Ja!“
„Vielleicht war es wirklich nicht logisch. Vielleicht ist eine solche Tat nicht mit Logik zu erklären.“
„Aber...es muss doch einen Grund geben...“
Die Gedanken des Mädchens kreisten noch immer um das ‚Warum?' hinter Shinji´s Handlung. Was konnte etwas derart Falsches für ihn rechtfertigen?
In diesem Moment kamen Rei die Worte des jungen Arztes wieder in den Sinn:
„Zuwendung braucht er jetzt am Allernötigsten. Nur seine Freunde und deren Liebe können Shinji noch retten.“
Das Mädchen dachte kurz nach.
„Du könntest recht haben.“, flüsterte die Stimme.
„Dass er...“
„Ja.“
„Shinji...liebt mich?“
Rei konnte das nicht richtig glauben.
„Ich...“
„Hast du Angst?“, fragte die seltsame Stimme in ihrem Kopf.
„Ich...ja, das habe ich.“
„Weshalb?“
„Wenn...das stimmt...wenn Shinji mich...liebt...“
„Wovor fürchtest du dich?“
„Es wäre das erste Mal...“
„Du weißt, was das bedeutet.“
„...ja.“
Rei fühlte sich plötzlich seltsam leer.
„Ich...bin noch nie zuvor...“
„...geliebt worden?“
„Ja. Ich kenne dieses Gefühl nicht. Ich weiß nicht, was ich denken...oder fühlen soll.“
„Verdienst du es denn, geliebt zu werden?“
„Ich...weiß es nicht.“
„Aber zuvor warst du dir sicher. Warum nicht mehr?“
„Ich...Shinji ist der Grund. Wenn er mich...liebt, dann hat er sich wohl deshalb vor mich gestellt.“
„Und das ist falsch?“
„Aus diesem Grund liegt er jetzt hier. Er sieht nichts, hört nichts, vielleicht fühlt er auch nichts. Und vielleicht wird er das auch niemals wieder.“
Rei drückte die Hand von Shinji noch fester.
„Wenn das...Liebe ist...brauche ich sie nicht. Sie bringt nichts als Schmerz und Leid.“
Rei stand plötzlich auf. Sie konnte nicht mehr hier bleiben. Sie musste fort.
Das Mädchen war bereits auf dem Weg zur Tür, als sie noch einmal umdrehte. Sie kehrte zu Shinji´s Bett zurück und fasste erneut seine Hand.
„Vergib mir, Shinji. Ich...möchte nicht...von dir geliebt werden, wenn es dann so endet. Dazu...bist du zu wichtig...für mich. Verzeih mir.“, flüsterte sie.
Rei gab Shinji einen sanften Kuss auf die Stirn.
Dann drehte sie sich um und verließ das Zimmer.
Zurück blieb nur der Junge.
Anmerkungen des Autors:
In diesem Kapitel hatte Rei also mit sich und ihren Schuldgefühlen zu kämpfen. Sie hat auch erkannt, wie viel Schmerz die Liebe einem bringen kann.
Lob, Kritik und sonstige Statements wie immer an:
to be continued...
Masterpiece