DARK WORLD

Episode 10 – Dunkle Seelen

Etwas hatte sich verändert. Ich konnte nicht genau sagen, was es war, aber mit der Mannschaft war seit unserer Abfahrt eine Veränderung vorgegangen, nur wusste ich nicht, ob sie positiver oder negativer Natur war. Die Leute wichen mir und Rei aus. Sie taten das, was getan werden musste, sprachen mit uns, was gesprochen werden musste, aber ansonsten machten sie entweder einen Bogen um uns oder stürmten fast davon, wenn sie uns kommen sahen. Selbst Gustavo, mit dem ich bisher am Besten ausgekommen war, hatte sich in diese Richtung verändert. Zwar nicht ganz so krass, wie die anderen, aber man sah es ihm doch schon an. Mit jedem Tag, der verging, wurde ihre Furcht, oder was immer es war, größer. Natürlich, ich konnte sie nicht zwingen, anzuerkennen, was ich für sie getan hatte. Ich konnte sie nicht zwingen, freundlich zu mir und Rei zu sein und das wollte ich auch nicht. Aber nicht einmal das Mindestmaß an Anerkennung, das uns vielleicht ein bisschen zugestanden werden konnte, gönnten sie uns nicht. Gut, nicht, dass ich mir viel aus Anerkennung gemacht hätte, aber irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass sie es mir doch irgendwie schuldig waren. Aber wie gesagt, zwingen konnte und wollte ich sie nicht.

Ich hatte schon wirklich den Tag herbeigewünscht, an dem wir wieder in New Amsterdam ankommen würden. Als wir anlegten, war die Mannschaft auf einmal wie ausgewechselt. Alle waren fröhlich und munter, offen gegenüber allen, auch gegenüber uns und fingen sogar an, uns, bzw. mich für die Aktion zu loben. Ich nahm Gustavo beiseite und fragte ihn: „Was ist denn jetzt auf einmal los? Vorher konnten sie mich und Rei nicht riechen und jetzt auf einmal wollen sie uns auf Händen tragen! Das ist doch nicht normal! Was ist los, zum Henker noch einmal?“ Gustavo reagierte anders als erwartet. „Jetzt nicht! Entschuldige, wenn ich deiner Frage jetzt nicht nachkommen. Ich werde es dir später noch genauer erläutern. Jetzt sollten wir an Land gehen und uns feiern lassen!“ Damit grinste er mich an und ging an mir vorbei und von Bord. Ich stand da, starrte ihm nach und war etwas konfus. Rei, die zu mir getreten war, bemerkte meinen Blick, schaute für kurze Zeit ebenso verdutzt drein, wie ich, setzt aber dann wieder ein Lächeln auf, dass mich sofort wieder in die Realität zurückholte. Das war ihr Zauber. Wie das geht, weiß ich bis heute nicht so genau.

Am Steg warteten dann auch schon Asuka, Hikari, Kensuke, Toji, Dex und all die anderen, die ich auf meiner Reise getroffen und die mir geholfen hatten. Nach einem großen Hallo, nach einigen staunenden Gesichtern (wie gesagt, wussten noch nicht alle, dass Rei bei mir war) und nachdem ein gewisser Rotschopf ein paar Schimpfworte in Richtung eines gewissen First Children abgelassen hatte, gingen wir zurück zu Gustavos Haus. Den Weg säumten einige Hundert Leute, die uns zujubelten und noch lauter wurden, wenn man ihnen zuwinkte. Ich genoss es sichtlich und dir Sorgen, die mich auf der Reise geplagt hatten verloren sich schnell wieder. Das ungute Gefühl blieb allerdings, wie meistens. Wirklich Ruhe fand ich erst, als wir im Haus waren und Gustavo vom Balkon aus seinen Leuten verkündete, dass nun alles vorbei sei und der Frieden, für den sie gekämpft hätten, nun Bestand haben würde. Ich bekam davon nur mehr wenig mit. Asuka zerrte mich in unser Zimmer, schloss die Tür und, na ja, überlegte mal ganz kurz, was dann passiert sein könnte.
Ich verließ das Zimmer erst drei Tage später. Asuka hatte sich beruhigt und war befriedigt. Jetzt schlief sie und ich war ganz froh darüber. So bekam ich wenigstens mit, was sich im Haus abspielte. Ich fand Rei in dem gemütlichen Wohnraum vor. An ihrem Gesicht merkte ich gleich, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Sie starrte auf ein Tür, hinter der Stimmen von mehreren Männern zu hören waren, allerdings nicht gut genug, dass man verstehen konnte, was sie sagten oder worüber gerade geredet wurde. Ich setzte mich zu ihr und sah sie an. „Ist was? Du schaut so sorgenvoll drein? Hat sich was verändert?“ Sie wiegte den Kopf. „Ja und Nein!“ – „Hä?“ machte ich. Jetzt sah auch sie mich an. „Vor drei Tagen sind Gustavo, Dex und alle anderen wichtigen Leute zum ersten Mal in den Raum gegangen. Seither betreten sie ihn früh Morgens und verlassen ihn erst spät Nachts. So geht das jetzt schon seit drei Tagen und, na ja, es scheint, als würden sie sich streiten. Ich kann ihre Gefühle spüren. Sie sind erregt, sehr sogar. Was allerdings der Grund ist, weiß ich nicht. Gustavo scheint ziemlich ruhig zu sein und das genaue Gegenteil ist der, der Dex heißt. Ich weiß nicht, was das wird, aber ich glaube, sie streiten wegen uns.“
Auf einmal legte sich in mir ein Schalter um. Es war, als ob auf einmal alles ganz klar und einfach wäre. Natürlich, das war der Grund für die Feindseligkeiten auf dem Schiff und der plötzliche Gefühlswandel bei der Ankunft. Das war das, was ich gespürt hatte, als wir von New York abgelegt hatten. „Die wollen uns loswerden!“ Rei sah mich mehr als verdutzt an. „Wen ´Uns` ?“ – „Na UNS. Du, ich, Asuka, Toji, Hikari und Kensuke. Wobei ich mir bei den letzten drei nicht so sicher bin. Wir stellen eine Gefahr für sie dar.“ Rei schien nicht recht daran zu glauben. „Aber warum denn, wir haben ihnen doch geholfen?!“ Ich sank in den Sessel zurück. „Genau das ist der Punkt. Sie haben gesehen, dass ich dazu fähig bin, wie mein Vater zu agieren und fürchten ich könnte so werden wie er und sie unterwerfen, die Macht an mich reissen und alle unterdrücken. Asuka ist von sich aus schon eine Respektsperson, da kann man machen, was man will. Und du, na ja, überleg einmal. Noch wissen sie ja nicht, dass du von den Toten auferstanden bist, nur weil mein Wille stark genug dazu war, dich zurückzuholen. Sollten sie das auch noch herausfinden, dann haben sie wenigstens noch einen Grund mehr. Wir drei zusammen könnten die ganze Welt unter unsere Kontrolle bringen. Vielleicht nicht jetzt, aber irgendwann einmal. Und um das vorzubeugen, müssen sie uns loswerden.“ Rei sah mich mit angstvollem Gesicht an. „Du meinst, sie werden versuchen uns zu töten? Das kann ich nicht glauben!“ Jetzt war es an mir nachdenklich dreinzuschauen. Nach einer kurzen Pause meinte ich: „Nein, umbringen sicherlich nicht. Sie wissen, wenn sie auch nur eine Waffe heben würden, dann würde sie dein AT-Feld zu Mus verarbeiten und diese Leute hängen an ihrem Leben, glaub mir. Nein, ich denke, sie werden uns an einen Ort verbannen. Jetzt verstehe ich auf, dass Dex so aufgebracht scheint. Er ist einer meiner besten Freunde und kennt mich ganz genau. Auch wenn wir nicht lange zusammen waren, hat diese Zeit ausgereicht. Er glaubt nicht daran, dass ich einmal so werden würde.“
Eine Zeit lang herrschte Stille. Danach fragte Rei: „Und was sollen wir machen?“ Darauf wusste ich allerdings schon eine Antwort: „Wir nehmen ihnen die Entscheidung ab. Ich werde ein Gebiet aussuchen, in das wir uns zurückziehen, dann hinterlasse ich ihnen noch einen Abschiedsbrief und wir sind weg. Wir werden New Amsterdam noch heute Abend verlassen. Ich will nicht, dass sie sich nur wegen mir streiten. Ich sage, es ist beschlossen. Heute Nacht, wenn alles schläft, verschwinden wir.“ Rei nickte nur traurig. Es gab nichts mehr zu sagen. Die Dinge hatten sich nur so entwickeln können.

Ich musste nicht lange überlegen müssen um zu wissen, wohin wir uns verziehen konnten. Da gab es eine kleine Ansammlung von Häusern, die etwas 40 Kilometer östlich von New Amsterdam war. Umgeben von einem kleinen Wald war es der perfekte Ort um friedlich Leben zu können. Und wenn ich jetzt denkt, ich hätte vorher Kaji und Misato vergessen, irrt ihr gewaltig. Diese beiden hatten sich schon sehr bald nach unserer Rückkunft von uns verabschiedet und waren wieder in die Schweiz aufgebrochen. Die hatten diese Sache wohl voraus gesehen und sich sofort aus dem Staub gemacht. Misato hatte schon immer einen besseren Riecher für solche Sachen gehabt, als ich.
Asuka von dem Ernst unserer Lage zu überzeugen, war weniger schwierig, als ich gedacht hatte. Sie akzeptierte sogar, dass sie wahrscheinlich mit Rei in einem Haus leben musste, auch wenn dies auf ewig sein würde. Sie meinte, sie hätte eingesehen, dass diese ständigen Anfeindungen sie noch irgendwann einmal ins Grab bringen würde und es nun endlich Zeit für einen Friedensschluss sei. So war es einfach am Besten für alle. Ich war mehr als überrascht, als ich das hörte und hätte es wohl für einen Witz gehalten, wenn sie nicht so einen unglaublich ernsten Gesichtsausdruck aufgesetzt gehabt hätte.
Unsere Sachen waren schnell gepackt und einer der Jeeps in der Nähe der Tür geparkt. Die Wichtigen Herren taten mir den Gefallen und schienen noch bis weit in die Nach verhandeln zu wollen. Ich legte ihnen den Brief auf den abgeräumten Tisch, dann verließen wir das Haus, dass so lange unser Heim gewesen war, für immer. Wir stiegen in den Jeep und ich fuhr los. Es dauerte nicht lange und wir hatten die Stadt hinter uns gelassen und steuerten in östlicher Richtung auf die Baumgruppe zu. Niemand von uns blickte zurück, wir wollten auch nicht, muss ich ehrlich sagen.

Ungefähr 3 Stunden später traten Kensuke und Toji aus dem Beratungszimmer. Sie waren total fertig und erschöpft. Toji allerdings erkannte sofort, dass etwas nicht normal war und sah sich aufmerksam um. Da entdeckte er auch schon den Brief auf dem Tisch. Er war an Dex adressiert, aber Toji, der sich im ungefähren vorstellen konnte, was das war, schickte Kensuke sofort in unsere Zimmer um nachzusehen, ob wir noch da waren. Dex, Hikari und Gustavo waren zu ihm hingetreten und lugten ihm über die Schulter, als Toji zu lesen begann.

Hi, Dex!

Wir ihr wahrscheinlich schon bemerkt habt, sind wir nicht mehr hier. Die Frage, warum wir gegangen sind, lässt sich einfach beantworten: Wir wollten nicht, dass ihr euch wegen uns zerstreitet. Ich weiß, was manche von euch denken: dieser Ikari und seine Freunde stellen eine Gefahr da. Wenn man nicht aufpasst, werden sie sich noch die ganze Welt Untertan machen und uns unterjochen. Der Sohn, wie der Vater.
Ich sag es euch ganz ehrlich, mich wundert es kein bisschen und überraschen tut es mich auch nicht. Ich bin euch nicht böse, glaubt mir, aber ich hätte es nicht ertragen, von euch weggeschickt zu werden. Also habe ich das gemacht, was von mir erwartet wurde und bin gegangen und habe Rei und Asuka mitgenommen. Auch sie sind euch nicht böse. Wir verstehen eure Ängste und wir hätte euch nie vom Gegenteil überzeugen können.
Wenn ihr das lest, sind wir wahrscheinlich schon dort angekommen, wo wir hinwollten. Aus Gründen der Sicherheit, habe ich keine Karte hinterlassen, da es gewisse einige gewaltbereite Leute unter euch gibt, die uns lieber getötet hätten, als uns einfach so gehen zu lassen.

Damit ist alles gesagt. Es tut mir leid, für mich und für euch. Die Menschheit hat wohl noch immer nicht gelernt, dass es auch beim Terror einmal ein Ende gibt. Ich hätte euch nie von meinen guten Absichten überzeugen können, auch wenn mir ein paar geglaubt hätten. Wir werden uns wahrscheinlich nie wieder sehen. Macht es gut und lebt in Frieden, das wünschen wir euch.
Lebt wohl
Shinji, Rei, Asuka

Toji fiel fast um, teils vor Erstaunen, teil vor Erkenntnis. Ich hatte richtig vermutet, sie waren kurz davor gewesen zu beschließen, uns zu verbannen. Er gab den Brief an Dex weiter und rannte hinaus auf die Straße mit einem Feldstecher in der Hand, auch wenn er wusste, dass das nicht mehr viel bringen würde. Er lief um die Stadt herum und suchte die Gegend nach Spuren ab. Es waren zwei. Eine führte nach Osten und eine nach Westen. Er würde uns nachfahren, auch wenn er ewig suchen musste, um uns wenigsten selbst noch lebe wohl sagen zu können. Dann blieb er auf einmal stehen, lächelte und sagte: „Danke, Shinji! Für alles!“ Dann drehte er sich um und ging wieder in die Stadt zurück.

Epilog:

So endet meine Geschichte dort, wo sie begann. In einer etwas größeren Hütte, umgeben von Wald und Feldern, lebten nun Rei, Asuka und ich in Frieden miteinander und tun es immer noch. Allerdings ist um uns herum der Wald verschwunden und eine kleinere Siedlung ist entstanden. Unter anderem wohnen auch Toji und Hikari hier mit ihren Kindern. Von allen anderen habe ich wirklich nie wieder etwas gehört. Hauptsächlich wahrscheinlich, weil sie mich verstanden haben und mich ziehen ließen. Vielleicht war es ganz gut so. Ich habe mir nie Vorwürfe wegen meinem Leben gemacht, auch nicht mit der Entscheidung in eine Polygamie einzutreten. Ihr hört richtig: ich hab tatsächlich beide, also Rei und Asuka geheiratet. Einen Spross dessen gibt es leider noch keinen, aber Rei sieht mir ziemlich danach aus. Gestritten haben sich die beiden Mädchen seit damals kein einziges Mal, im Gegenteil, sie sind gezwungenermaßen die besten Freundinnen geworden. Das ist auch so etwas, das ich nie für möglich gehalten hätte. Ich weiß nicht, ob irgendwann einmal diese Geschichte lesen wird und es ist mir auch ehrlich gesagt relativ egal. Ich hinterlasse sie nur um der Nachwelt zu zeigen, dass es nicht immer so einfach ist, wie man denkt und es immer anders kommt, als man glaubt. Die Lehre dieser Geschichte ist folgende:
In jedem von uns steckte eine dunkle Seele, es kommt nur darauf an, ob man sie kontrollieren kann, oder nicht. Das muss jeder für sich entscheiden.

Shinji Ikari

ENDE

Damit klappte der Mann das in Leder gebundene Buch zu und ging hinaus zu seinen Frauen, die schon mit dem Essen auf ihn warteten. In gewissen Teilen hat er doch etwas übertrieben, aber ansonsten ist dies eine wahre Geschichte, auch wenn sie nie passiert ist.


END of DARK WORLD

Anmerkung des Autors:
Dies ist nun die 8te Fic die ich geschrieben habe. Ich denke, sie ist gar nicht so schlecht geworden. Fragen, Anregungen und Wünsche bitte an mich per E-Mail an stevomat@uboot.com. Wir sehen uns bei der nächsten Geschichte.