Episode 09 – Wenn die Reise endet und nichts beginnt
Natürlich konnten wir nicht direkt im Hafen von New York anlegen und unseren Plan einfach so in die Tat umsetzten, denn dann wäre es zu einfach gewesen. Ich war mir schon im Klaren darüber, dass wir wo anders an Land gehen mussten. Gott sei Dank war Amerika größer als so manch anderer Staat und deshalb war es für meine Leute auch nicht wirklich schwierig einen guten Anlegeplatz zu finden. Der Staat New York war, wie ich ja bereits wusste, nur mehr eine Ansammlung von etwa 10 bis 12 Wolkenkratzern und in etwas doppelt so viele kleiner Häuser, die allerdings noch zerstörter waren, als die Hochhäuser. Natürlich hatten sich jetzt auch New York dicht gemacht und kontrollierten wie die Wilden alles und jeden, der die Stadt verlassen oder hinein wollte. Letztendlich hatte ich mich dazu durchgerungen mir selbst und meinen Leuten einen letzten großen Auftritt zu verpassen. Wir hatten gar nicht mehr vor, uns in die Stadt zu schleichen, sondern ganz einfach dort mit einem total kaputten Hubschrauber zu landen. Dann musste es allerdings alles sehr glaubwürdig wirken. Typen mit Verletzungen, alles natürlich vorgetäuscht, Leute, die ständig Panik machten und damit Chaos auslösten usw. Bis hin zu Rei`s Tarnung, was ich wirklich als mein bisher schönstes Glanzstück ansah. Wir hatten es zusammengebracht, für Rei eine Maske anzufertigen, die ihre bleiche Haut so perfekt überdeckte, dass niemand sie auf den ersten Blick erkennen würde. Ihre Haare hatten wir schwarz gefärbt und waren dabei genauso geschickt vorgegangen, wie bei der Maske. Man sah jetzt keinen blauen Ansatz mehr. Einfach perfekt.
Mein Plan hatte sich geringfügig geändert. Warum mitspielen, wenn unsere Gegner sowieso genau wusssten wer wir waren? Also voll auf Tarnung und sie verwirren, so gut es irgendwie geht. Tatsächlich würde nur ein kleiner Trupp unserer Leute mit mir reingehen. Der Rest blieb draussen und würde einen kleinen Angriff inszenieren. Das hatte den Sinn, den Chefstab komplett zu verwirren. Wenn dann auch noch ein Hubschrauber, der aussah, als hätte er den ärgsten Kampf hinter sich, mit ein paar Agenten an Bord, denen es auch nicht so gut zu gehen scheint, auf ihrem Wolkenkratzerdach landet, würden sie wohl kaum mehr fragen stellen, sondern schnell dafür sorgen, dass es ihren Leute gut ginge. Sie selbst würden sich zurückziehen müssen, um die Lage noch einmal zu überdenken, und sobald sie das taten, war die Sache geritzt. In der Zwischenzeit hatte ich nämlich erfahren, dass es sich bei dem Stab nur um sieben Personen handelte, alte Männer. Die konnte Rei alleine in Schach halten, ohne größere Probleme. Einen Vertrag hatten wir ebenfalls schon aufgesetzt. Er musste nur noch unterschrieben werden. Soweit es mich betraf, waren alle Vorbereitungen getroffen. Was allerdings das Präparieren des Hubschraubers anging, das konnte noch dauern, weil meine Leute keine Künstler und für so etwas nicht ausgebildet waren. Ausserdem sollte der Hubschrauber noch fliegen können, wenigstens noch bis zum dem Hochhaus. Ich hatte ihnen nur eines gesagt: „Je schlimmer er aussieht, desto eher werden sie es uns abkaufen.“
Die Schauspieltechniken meiner Leute waren allerdings mehr als ausgeprägt. Ich hatte noch nie so einen Haufen Simulanten auf einmal gesehen. Gut, es war auch wirklich das erste Mal, das ich auf so was Wert legte. Früher hätte ich nicht einmal sagen können, was das Wort Simulant eigentlich bedeutet. Nun, man lernt eben nie aus.
Rei war sich wegen der ganzen Angelegenheit nicht so sicher wie ich, schon alleine deshalb, weil sie ihre neue Haarfarbe hasste. Auch die Idee mit der Maske hatte ihr nicht gefallen, was sie sehr oft und lautstark zum Ausdruck brachte. Ich konnte darüber immer nur lächeln. Auch wenn Rei ein übernatürliches Wesen war, sie benahm sich menschlicher und vor allem weiblicher, als sie es vielleicht wahrhaben wollte. Gott sei Dank war aus dem LCL Becken keine Puppe hervorgekommen, sondern etwas, das zumindest noch an einen Menschen erinnerte. Als sie merkte, dass ich ihr nicht zuhörte, reagierte sich ebenfalls sehr menschlich, indem sie mir eine runter hauen wollte. Hier war es dann doch etwas zu viel Spass, allerdings war ich überrascht, mit welcher Leichtigkeit ich ihre Hand abfing. Sie überraschte das noch viel mehr. Ich sah sie ernst an, als ich meinte: „Es ist gut jetzt! Führ dich bitte nicht wie ein kleines Kind auf. Du weißt genauso gut wie ich, dass wir dich nur so unerkannt in die Stadt hineinbringen. Wenn du in die Stadt hinein schweben würdest, wärst du schneller wieder Tod, als das du mir irgendwie helfen könntest. Das AT-Feld kann nicht alle Kugeln aufhalten, das weißt du und ich weiß es auch. Also hör auf, dich Aufzuregen und versuch dich zu entspannen. Du wirst deine Kräfte noch brauchen.“ Damit ließ ich sie los, drehte mich herum und stand am Ausgang. Ich wollte schon den Vorhang beiseite ziehen, als sie ganz leise flüsterte: „Was ist bloß mit dem Shinji passiert, den ich einmal kannte? Ist er gestorben?“ Ich blickte zu Boden. Irgendwie hatte sich recht. Ich war ganz bestimmt nicht mehr derselbe, aber diesmal kannte ich den Grund. Ich drehte mich also wieder herum, ging auf sie zu und nahm sie in den Arm. „Nein, er ist nicht tot. Er hat nur zuviel von der Realität gesehen und hat sich wieder hinter seinem Vater versteckt. Wenn alles vorbei ist, wird er wieder hervorkommen und wieder der sein, der er ist.“ Rei hatte sich ganz eng an mich gedrückt und einzelne Tränen rannen über ihr Gesicht. „Versuche, nicht ganz so wie dein Vater zu werden. Ansonsten könnte es sein, dass du irgendwann einmal sein Schicksal teilen musst.“ – „Das werden wir so oder so schon früh genug!“ Sie sah mich an. „Was meinst du damit?“ Ich schüttelte nur den Kopf und blieb ihr die Antwort schuldig. Wenn es ihr jetzt gesagt hätte, hätte sie wohl nicht mitgemacht, was, im Nachhinein gesehen, die ganze Sache zum Scheitern verurteilt hätte. Gott sei Dank fragte sich nicht nach und es war mir auch ganz recht. Es war ein Problem, dass uns noch früh genug einholen würde. Wirklich noch früh genug.
Hinter den Palisaden rund um Neu New York herrschte emsiges Treiben. Immerhin war man relativ nervös, auch wenn man einen Angriff für wirklich ausgeschlossen hielt. Eine etwas vermummte Gestalt lief zwischen den Häusern hin und her und wenn man ihr ganz genau zusah, konnte man erkennen, dass sich unter dem Cape keineswegs ein getarnter Agent versteckte. Seine Haare hatte er sich kurz geschnitten, sich aber einen Bart wachsen lassen. Da ihn allerdings jeder für Tod hielt, hätte er die Tarnung gar nicht nötig gehabt. Schade war nur, dass er es seinen Schützlingen nicht mehr hatte erzählen können. Viel geändert hätte es nicht, wie er meinte. Vielleicht war es nicht ganz so schlecht, dass sie gesehen hatten, wie er „erschossen“ worden war. Im großen und Ganzen war die Sache von ihm so geplant gewesen. Sein „Killer“ hatte mit Platzpatronen geschossen und er selbst hatte nur ein paar Druckstellen unter seinem Hemd berühren müssen. Schon war massig Theaterblut über sein Hemd gelaufen und hatte es auf ewig verunstaltet. Auch egal, er brauchte es sowieso nicht mehr. Das ihn allerdings sogar der Chefstab für Tod hielt, war für ihn mehr als eine Überraschung gewesen. Es hatte sogar eine eigene Trauerfeier gegeben, an der man einen leeren Sarg beerdigt hatte, von dem nur er wusste, das er leer war. Komisches Gefühl, auf seiner eigenen Beerdigung dabei zu sein. Wenigstens war es glaubhaft gewesen. Der Rest war schnell erzählt. Nachdem er nun nicht mehr existierte, hatte er ohne Probleme das A.N.S.T. Netzwerk infiltrieren und alle möglichen Vorbereitungen treffen können, die nun ihren Abschluss fanden. Er hatte nur gehofft, dass das Third Children alle richtig machen würde und ihm eine gute Taktik für diese Stadt in den Sinn kommen würde. Aber auch in dieser Hinsicht hatte alles genauso geklappt, wie es sollte. Jetzt saß er in einem komplett dunklen, ziemlich großen Raum, in dem nur ein Tisch mit sieben Sesseln stand und wartete auf den Chefstab und, hoffentlich, Shinji mit seinen Leuten. Diese ließen auch nicht lange auf sich warten.
Punkt 14:00 Uhr schlugen Raubomben gemischt mit einigen Basukaraketen in die Palisaden der Agenten bzw. im Schutzwall ein. Gleichzeitig fegten Maschinengewehrsalven durch die Luft und die Agenten, die sich zu spät in Sicherheit brachten, hatten keine Chance diesen zu entkommen. Auf einmal begannen die Rebellen nach oben zu feuern und bald darauf konnte man einen ziemlich desolaten Hubschrauber sehen, der sich durch die Rauchschwaden kämpfte. Zwei mit Anzug und Sonnenbrille verkleidete Personen standen halb auf den Landestützen des Fluggerätes und feuerten zurück, als ob es um ihr Leben ginge. Wirklich sofort verstärkten die Agenten am Boden ihr Feuer wieder auf die Rebellen und zwangen sie, sich wieder ihnen zu widmen. Derweil landete das Vehikel mit letzter Kraft auf dem Dach des A.N.S.T. Hauptquartiers. Auch hier kamen sofort mehrer Agenten herbeigelaufen, einige mit Feuerlöschern und Tragen in den Händen, andere einfach nur so zum Helfen. Ich sprang als erster auf dem Hubschrauber und fing an, die herbeistürmenden „Kollegen“ einzuteilen, wo es nur ging. Einer unter ihnen, ein etwas größerer, sah mich relativ ungläubig an und fragte dann auf einmal lächelnd: „Was ist los, Kollege, wo kommt ihr her?“ Ich ließ mich nicht einschüchtern oder übertölpeln. Mehr als einmal war ich mit Kaji die Kommandostrukturen der Agenten durchgegangen und kannte deshalb auch den Umgangston, den sie untereinander anschlugen. Wenn einer autoritärer Sprechen und sich verhalten konnte, wurden die anderen schon sehr klein und still. Ausserdem konnte man den Rang eines Agenten an seiner Brille erkennen. Hört sich witzig an, ist aber so. Vor dieser Mission hatte ich auch diese Merkmale fast auswendig gelernt. Darum wusste ich, wie ich zu antworten hatte. „Genosse Leutnant, ich weiß nicht, was ihnen das Recht gibt einen höheren Offizier nicht mit dem ihm zugehörigen Respekt zu begegnen. Ich denke, meine Lage scheint klar genug zu sein, damit ich ihnen die Hölle heiß machen kann, wenn sie nicht sofort selber Hand anlegen und meinem Trupp helfen.“ Diese Sätze hatte ich gefährlich leise gesprochen und dabei gemerkt, dass der Typ vor mir nicht so ganz selbstbewusst war, wie er vielleicht wirkte. Schon alleine, dass ich wusste, was er für einen Dienstgrad er hatte, war für ihn schon Grund genug, mir meine Verkleidung als Echt abzunehmen. Die Nächsten Sätze schrie ich fast: „Und jetzt bewegen sie endlich ihren Hintern Genosse, oder sich sorge dafür, dass sie sich nie wieder irgendwohin setzten können, ohne riesige Schmerzen zu haben. Ist das Klar?“ Der Mann war nun nicht mehr weiter, als ein kleines Häufchen Elend. „Ja-Jawohl, Genosse Oberst! Wird sofort erledigt, Genosse Oberst!“ – „Sehr schön, und jetzt VERSCHWINDEN SIE, ABER ZACK ZACK!!!!!“ So schnell konnte ich gar nicht schauen, war er schon am Werken und Helfen, wo er nur konnte. Innerlich atmete ich auf. Es stimmte also. Wenn man Stärke zeigte, wurde man ohne weiteres überall durchgelassen. Ich hatte es ja nicht glauben wollen. Wir wurden ein paar Stockwerke tiefer in einen Raum geführt, wo man uns alles zur Verfügung stellte, was wir brauchten. Niemand von denen, die mitbekommen hatten, wie ich ihren Chef zur Sauf gemacht hatte, muckte auf, keiner verzog das Gesicht, jeder versuchte mir alles Recht zu machen, allen voran, dieser dämliche Leutnant. Nachdem wir saßen schickte ich ihn und seine Leute hinunter zu Palisaden zum Helfen und Wiederaufbauen. Somit konnte es nicht passieren, dass er einem höheren Vorgesetzten über dem Weg lief, dem er vielleicht auch noch irgendwas erzählt hätte.
Teil 1 meiner Taktik war also aufgegangen. Das war einfach der Teil gewesen, der am schwierigsten und aufregendsten war, weil mit ihm die ganze Mission stand und fiel. Derweil stand sie noch und ich war mehr als froh darüber. Nachdem die „Helfer“ auf dem Stockwerk verschwunden waren, fingen wir sofort an uns umzuziehen und die Magazine in den Waffen auszutauschen. Immerhin hatten wir auf unsere eigenen Leute nur mit Platzpatronen geschossen. Jetzt allerdings waren die Waffen wieder gefährlich und das würde für den Moment auch so bleiben. Nachdem wir alles umgeladen und fertig gemacht hatten, suchten wir uns das nächste Treppenhaus und rannten hinunter in den 33. Stock. Laut unseren Informationen, sollte sich dort täglich der Chefstab treffen. Nun, was mich anging, hatte ich vor, mich an meinen Plan zu halten. Meine Mitstreiter waren mehr als nervös, und ehrlich gesagt, wäre ich das auch gewesen, wenn ich nach langem Kampf endlich denen gegenübertreten würde, gegen die ich die ganze Zeit über gekämpft hatte. Trotzdem stürmten sie zum nächsten Treppenhaus und hinunter. Ich hasse Treppen, ich hasse sie wirklich. Das war schon so, als ich noch ganz klein gewesen war. Verständlicherweise war ich auf der einen Seite erleichtert und auf der anderen Seite hätte ich ne Packung C4 nehmen können und dann den ganzen Stiegenbau in die Luft jagen können, als wir endlich im richtigen Stockwerk ankamen. Es dauerte nicht lange, bis wir die Tür aufbekommen hatten und ich auf den Gang trat. Ich muss sagen, ich hatte alles erwartet, aber nicht das. (Ein Widerspruch in sich, ich weiß, aber besser lässt sich das nicht ausdrücken!) Der Gang war komplett Schwarz. Edelste Teppiche an Boden und Wänden, schwarze, teuer aussehende Wandverkleidungen, die der ganzen Räumlichkeit die Form einer Miene gab, das heißt, dass man sich eine dunkle Höhle vorstellen muss, alle paar Meter sind Stützbalken an Wänden und Decke, das Wort Stollen, wäre hier eher angebracht. Das, was ein bisschen von diesem Stil abwich, waren die dunkel gefärbten Pflanzen, die teueren Bilder an der Wand und die vergoldeten Türklinken mit High – Tech – Schlössern. Die Tür, durch die wir getreten waren, war als Bilderwand getarnt und hob sich eigentlich überhaupt nicht von der Umgebung ab. Gleich neben uns war der Gang zu Ende und eine große mittelalterliche Tür war in die Wand eingelassen, die durch sieben vergoldete Schlösser gesichert wurde. Da es keine Türklinke gab, schätzte ich, dass es einen versteckten Mechanismus gab, der sich aktivierte, wenn die richtigen Schlüssel in die Schlösser gesteckt und herumgedreht würden. Das Problem daran war aber, dass man die Schlüssel stecken lassen musste, um hinein- und wahrscheinlich auch wieder herauszukommen.
Auf einmal tippte mich Rei an der Schulter an und deutete zu den Lifttüren an der anderen Seite des Ganges. Der altmodische Zeiger über der Tür hatte sich zu rühren begonnen und ein dumpfes ziehendes Geräusch wurde lauter und schien näher zu kommen. In Windeseile waren wir wider hinter der versteckten Tür, ließen allerdings einen ganz kleinen Spalt offen. Fünf Männer und Zwei Frauen stiegen aus dem Lift aus und schritten in einer Art Formation den Gang hinunter bis hin zu der Tür. Jeder der Personen steckte nun, scheinbar in einer bestimmten Reihenfolge. Ein Klicken war zu hören und die Tür schwang wie von Geisterhand bewegt auf. Als die Personen drinnen waren, begann sich die Tür langsamer wieder zu schließen, als sie sich geöffnet hatte. Hier sah ich meine Chance. Ich schnappte Gustavo und Rei bei der Hand und schlüpfte mit ihnen durch den Spalt. Hinter uns fiel die Tür ins Schloss und wir sahen uns um. Der Raum war riesig. Im düsteren Licht, dass in der Mitte des Raumes einen Keilförmigen Tisch spärlich beleuchtete, konnte man die Größe nur schätzen. Stellt man sich ungefähr eine 6 Meter hohe und etwas 12 Meter lange und 8 Meter breite Lagerhalle vor, dann kommt man ungefähr auf die Größe dieses Raumes. Die sieben Personen hatten bereits an dem Tisch Platz genommen und sahen eher einander an, als dass sie sich umsahen. Erst jetzt fiel mir auf, dass selbst wir, seit wir den Raum betreten hatten, nicht einmal unser eigenes Atmen gehört hatten. Das lag wahrscheinlich an dem Material, mit dem der Raum ausgelegt war. Es schluckte einfach jedes Geräusch, wirklich jedes. In gewissem Sinne ein Glück für uns. Trotzdem tippte mich Rei wieder an und flüsterte: „Wir sind nicht alleine. Da ist ausser uns und ihnen noch jemand hier und er scheint uns nicht feindlich gesinnt, ganz im Gegenteil. Ich weiß nicht, was…“ Rei konnte nicht beenden, was sie zu sagen begonnen hatte, denn der Mann an der Stirnseite des Tisches hatte von seinen Unterlagen aufgesehen, sich geräuspert und begann mit leiser, aber doch auch sehr deutlich zu hörender Stimme zu sprechen.
„Es scheint, als hätten wir sie unterschätzt. Mit dem direkten Angriff konnte niemand rechnen, weil wir uns ja schon nicht sicher waren, ob sie überhaupt über die Ausrüstung für so etwas verfügen. Tja, offensichtlich haben sie es. Trotzdem könnte es sein, dass sie uns verwirrt haben und bereits hier im Haus sind.“ Der Mann links neben ihm ergriff das Wort: „Es ist richtig unheimlich. Es scheint fast, als könnte dieser Ikari unsere Gedanken lesen. Mir gefällt das nicht. Entweder er hat wirklich übernatürliche Kräfte, oder er hat saumäßiges Glück.“ Vom Ende des Tisches auf der rechten Seite kam die Nächste Wortmeldung, diesmal von der Dame mit den weißen Haaren: „Wir haben noch etwas übersehen. Agent Grant ist verschwunden!“ Der Mann an der Stirnseite, sah überrascht aus. „Verschwunden? Ich dachte, er sei tot? Hat man ihn denn nicht auf der Flucht erschossen?“ – „Offenbar nicht! Jedenfalls war in seinem Sarg ein anderer Mann, ein Landstreicher, ein Penner, irgend so jemand. Es war nicht Grant. Der ist höchstwahrscheinlich quicklebendig. Wozu dies allerdings gut sein soll, entzieht sich meiner Kenntnis.“ Auf einmal fing der Mann an der Stirnseite an, die Hände zu heben und sie in die Höhe zu strecken. Ich war etwas konfus, auf Grund dieser Reaktion, da hörte ich eine Stimme, die mich davon überzeugte, dass die Dame mit den weißen Haaren, gar nicht so schlecht gewesen war. „Sie reden zu viel, aber so war es immer. Sie sind so damit beschäftigt, sich die Welt unter den Nagel zu reissen, dass sie sogar darauf vergessen, gründlich nachzuforschen. Eigentlich muss ich ihnen dankbar sein, dass sie erst jetzt angefangen haben, die Hintergründe meines Todes zu durchleuchten. Und auch mit einem anderen Punkt haben sie recht: Ikari ist bereits im Haus und ich muss sagen, die Art, wie er hereingekommen ist, war ein Glanzstück, wie ich es nicht besser hätte machen können. Na, Shinji, was ist? Wie lange willst du noch warten? Komm her und zieh dein Ding durch!“
Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Im Nu war ich aufgestanden und trat zu der immer noch verdutzt blickenden Runde hin. Als ich ins Licht trat, weiteten sich die Augen des Vorsitzenden wie nur. Als dann aber auch Rei neben mich trat, stand ihnen allen die Angst ins Gesicht geschrieben und das mehr als deutlich. Ihre Gesichter machten mich innerlich nur noch stärker. Ich ging zu dem Vorsitzenden hin und knallte ihm ein Blatt Papier auf den Tisch. Der las bloß die Überschrift und sah mich mit schreckensgeweiteten Augen an. „Das, Herr Vorsitzender, oder wie immer sie auch heißen, ist der Zettel, der diese Ganze Sache hier beenden wird. Er ist Kapitulationsurkunde ihrerseits und gleichzeitig auch Übereignung des gesamten A.N.S.T. – Vermögens, sowie das des Personals an mich und meine Untergebenen. Dafür gewähren wir ihnen, sie nicht zu töten. Es hat mich viel Mühe gekostet, meine Leute davon zu überzeugen, dass sie, meine Damen und Herren, nach der Enteignung noch zu etwas gut sind. Sie werden auf eine Insel verbannt und dort bewacht werden, bis sie irgendwann eines natürlichen Todes sterben. Unterschreiben muss diesen Zettel jeder von Ihnen, wenn er dies nicht tut, wir einer meiner Leute sie hier sofort und auf der Stelle exekutieren. Sie haben die Wahl. Grant wird dafür Sorge tragen, dass sie mit ihrem wirklichen Namen unterschreiben. Wie gesagt, es ist ihre Entscheidung. Unterschreiben und Leben oder es nicht tun und sterben. Machen sie, was sie wollen, aber tun sie es jetzt.“ Damit legte ich dem Mann einen Stift hin und sah herausfordernd in die Runde. Dann sah ich Rei an. Diese nickte nur unmerklich und blickte starr auf die sieben Menschen vor sich, die widerrum sie ansahen, als hätten sie ein Gespenst gesehen. Es dauerte keine 3 Minuten, da lag ein komplett aufgesetzter Vertrag mit allen Unterschriften darauf vor mir, den Gustavo und ich ebenfalls noch unterzeichneten. Damit war die Sache erledigt. Kurz darauf kamen einige Agenten hereingelaufen und wollten uns schon niederschiessen. Grant hielt sie zurück und zeigte ihnen den Vertrag. Daraufhin senkten sie, wenn auch wiederwillig ihre Waffen und traten ein paar Schritte zurück. Das erste, das wir machten, war, dass wir den ehemaligen Chefstab abführen ließen, danach ließen wir verlautbaren, dass sich A.N.S.T. mit sofortiger Wirkung aufzulösen hätte. Alle Agenten würden wieder normale Bürger sein und jeder der im Dienst von A.N.S.T. gestanden war, konnte sich als freigestellt betrachten. Darüber hinaus erklärten wir alle, die sich nicht von ihrem Pfad abbringen lassen würden für vogelfrei, was heißt, dass sie jeder, der eine Waffe hat, sie abknallen darf, ohne dafür bestraft zu werden.
Das wirkte. Nachdem es alle in Neu New York erfahren hatten und Boten in alle Welt reisten um die schlechten Nachrichten in alle Länder hinauszutragen, kehrten Rei, Gustavo, Grant, der Rest meiner Mannschaft und ich zu unseren Wägen zurück und machten uns auf den Weg zum Hafen um wieder nach Hause zu kommen. Ein Teil der Gruppe blieb zurück und überwachte den ganzen Ablauf, solange bis alle Dokumente vernichtete worden waren und wirklich niemand mehr für A.N.S.T. arbeitete. Natürlich würde dies noch lange dauern, dass wusste ich auch, aber der Anfang war gemacht, der erste Schritt getan, die letzte Bastion gefallen. Trotzdem wollte bei mir nicht wirklich Freude aufkommen. Ein Gefühl sagte mir, dass es noch ein paar Schwierigkeiten geben würde. Jetzt waren wir wieder alle gleich und jeder konnte wieder über sein eigenes Leben bestimmen. Wirklich? Nun ja, ich war mir da nicht ganz so sicher.
Kurz darauf stand ich im Rumpf des Schiffes und blickte ein letztes Mal auf die Stadt zurück, in der sich alles entschieden hatte. Ein flaues Gefühl machte sich in meinem Magen breit und eine einzige Träne lief meine Wange hinunter. Warum, weiß ich bis heute nicht. Meine Reise war nun endgültig vorbei, fürs erste. Allerdings hatte auch nicht die Zukunft begonnen, die ich mir vorgestellt hatte. Eine Reise endet und nichts beginnt – ja, das beschreibt es am Besten. Wenn ich gewusst hätte, das die Sache noch längst nicht ausgestanden war, wäre ich wohl nicht ganz so ruhig gewesen. Überhaupt nicht.
to be continued