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Gedanken zu Shinji: Kann in Shinji eine Beschreibung der japanischen Gesellschaftsverhltnisse gesehen werden?
Ein Essay von Arael
Vorwort
Wrde mir jemand die Frage stellen, ob Neon Genesis Evangelion oder einer der Charaktere eine Gesellschaftsbeschreibung der japanischen Gesellschaft enthalten knnte, wrde ich spontan ja" sagen. In Evangelion kann man jede Menge reininterpretieren. Ich wollte die Frage aber mal genauer betrachten.
Dabei sei deutlich darauf hingewiesen: Alle meine Ausfhrungen sind Spekulationen und Interpretationen. Sie erheben also keinen Wahrheitsanspruch. Man kann ihnen glauben oder auch nicht, eine andere Interpretation ist durchaus mglich. Ein kluger Professor sagte mal: Es kommt nicht darauf an, wie die Interpretation lautet, es kommt auf darauf an, wie sie begrndet wird.
Weiterhin sei auch darauf hingewiesen, dass von mir genannte gesellschaftliche Aspekte nicht fr alle und alles gelten mssen, sondern Beobachtungen sind, die fr eine Mehrheit gilt, und eine Mehrheit fngt bekanntlich ab 50,1% an. Im Rahmen dieses Essays kann ich nur Teilaspekte sowohl von Evangelion, wie auch der Gesellschaftstheorie betrachten. Mit einer kompletten Gesellschaftsanalyse + Vergleich mit Evangelion komplett knnte man eine eigene Website aufmachen und mehrbndige, seitenstarke Bcher fllen.
Zu Gesellschaft sei zu sagen, dass sie sich permanent weiterentwickelt. Auch in Japan hat ein Nachdenken ber Reformen eingesetzt, auch diese Gesellschaft wandelt sich und manche Punkte, die ich erwhne, sind vielleicht in ein paar Jahren nicht mehr aktuell, aber entscheidend ist der Zeitpunkt der Entstehung von Evangelion.
Nach dem etwas lngerem Vorwort nun zur Tat. Ich habe mich entschlossen, die Hauptperson in Evangelion, Shinji zu betrachten, da er mir fr meine Fragestellung geeignet erschienen, sogar ein prgnantes Beispiel ist. Auch bei anderen Personen (Rei/Misato/Gendo) finden sich Hinweise auf die Beschreibung japanischer Zustnde, aber wie schon oben angedeutet, wre eine zustzliche Betrachtung dieser Personen zu lang.
Shinji
Viele Charaktereigenschaften von Shinji erinnern an japanische Zustnde von gleichaltrigen, aber auch von Erwachsenen. Da wre zunchst seine Verzweiflung. fter uert er ber weite Teile der Geschichte, dass eh alles seinen Verlauf nehmen, ohne dass er Einfluss nehmen knne. Ihm sei es darber hinaus egal, wenn er sterben wrde. Ich wei nicht, was ich einmal werden mchte. Ich habe keine Trume, Hoffnungen oder so etwas. Ich bin jetzt vierzehn. Bis heute ist alles so gekommen, wie es kommen musste, und so wird es wohl auch weitergehen. Deswegen dachte ich, es wre mir egal, wenn ich einen Unfall htte oder sterben wrde." Mit diesem Statement von Shinji fngt Evangelion in den Mangas an.
Diese Einstellung ist hufiger in Japan zu finden. Um das zu verstehen, muss man sich das Schulsystem in Japan ansehen. Schule bis zum 18. Lebensjahr ist selbstverstndlich, danach Arbeitsaufnahme oder Studium, Heirat und Familie wird den Kindern als vorgeschriebener Weg gelehrt. Die Schule selber zeichnet sich durch das Erlernen von Selbstdisziplin, Geduld Flei und Faktenwissen schon in der Grundschule aus, denn nach japanischer berzeugung sind das Faktoren fr einen beruflichen Erfolg. Wechseln die Kinder dann in die Mittelschule, ist dort der Lerndruck hoch, und in der Oberschule, die ab dem 14. Lebensjahr besucht wird, wird er unertrglich. Die Unterrichtszeit geht dabei Montags bis Freitags bis in den spten Nachmittag hinein, danach folgen oft noch private Frderschulen, denn die Prfungen und vor allem die Aufnahmeprfungen fr Oberschule/Universitt sind hammerhart. Samstags ist ebenfalls Schule, die Schulwoche japanischer Oberschler(innen) ist oft eine 60-Stunden-Woche.
Japanische Kinder reagieren darauf wie wohl auch viele andere Kinder reagieren wrden: Sie flchten sich in eine Welt der Bcher, Comics (Anime/Manga) und Computerspiele. Sie ziehen sich aber auch zurck, verschlieen sich, indem sie ihre Gefhle (der berforderung) ausschalten und die Welt gleichgltig an sich vorbeiziehen lassen. Diesen Verhalten ist erwnscht, es wird Kindern so antrainiert.
Genau dieses Verhalten zeigt auch Shinji, zwar nicht wegen schulischer berforderung sondern weil er mit Situation als Eva-Pilot berfordert ist, aber viele Japaner(innen) mgen sich hier wiedererkennen. Shinji: Immer wenn etwas Trauriges oder Schlimmes geschieht, scheint es ein zweites Ich zu geben, das alles so betrachtet, als stoe es nicht mir, sondern einem anderem zu. Kein Problem. Ich kann es schaffen." Dazu immer wieder die uerung, vor dem Tod keine Angst zu haben.
Dies ist ein Verhalten, welches hufiger beobachtet wird. Nachdem zunchst Verzweiflung herrschte und der Mensch sich zurckzieht, wird daraus Resignation: Es wird gefordert, also tut man es, man kann ja eh nichts anderes machen. Und wenn man dabei draufgeht um so besser, hier gibt es eh nichts mehr, an das man glauben knnte. Genauso wie in der Wirklichkeit wird diese Resignation mit ihren Ursachen und mglichen Folgen auch in Evangelion zunchst nicht erkannt. Misato: Nimm deine Aufgabe endlich ernst." Der Betroffene fhlt sich jetzt erst recht missverstanden und resigniert noch mehr, wie Shinji , der ausreit und dabei denkt: Wohin ich auch gehe, ich bringe nie etwas Gescheites zustande. Darum gibt es auch niemanden, der einen wie mich brauchen kann." Tatschlich haben Schulabbruch und Bildung aggressiver Banden in Japan oft den eben geschilderten Grund.
Nicht nur hier ist Shinji ein Spiegelbild japanischer Zustnde. Auch seine Einstellung zu anderen Menschen ist typisch. Er ist ein Einzelgnger, kann nur schlecht mit anderen Menschen umgehen. Lnger andauernde Freundschaft schliet nur mit Toji und Kensuke, die aber auch nur mglich war, da er sein Fenster im Herzen unmerklich ffnete". Auch hier mgen sich Japaner(innen) wiederfinden. In Japan wird die Gruppe als Idealzustand gesehen, der Einzelne zhlt nichts. Daher mssen sich Kinder bemhen, Gruppen zu bilden. Natrlich kommen so auch richtige Freundschaften zusammen, aber oft ist auch eine reine Zweckgemeinschaft zu erleben, um sich gegen andere Gruppen behaupten zu knnen. Dies ist gewollt und Teil der Erziehung, Japaner(innen) haben sich zu Schicksalsgemeinschaften" zusammenzufinden, ein schlechtes Sozialverhalten bedeutet schlechtere Schulnoten. Diese Schicksalsgemeinschaften haben Tradition wegen der hufigen Umweltkatastrophen (vor allem Erdbeben). Diese Zwangsgemeinschaften erfllen zwar ihren Zweck des Schutzes in der Gruppe und der gemeinsamen Arbeitsbewltigung, sind aber oft nicht in der Lage, dem Einzelnem ein Gefhl der Geborgenheit und Freude zu geben. Die Schicksalsgemeinschaft oder Zwangsgemeinschaft ist eben geprgt von den Erwartungen, die an sie gerichtet ist, also Schule/Arbeit gemeinsam bewltigen und Schutz durch die Gruppe. Shinji muss das auch erfahren. Er lernt zwar viele neue Menschen kennen, aber diese knnen ihm ein Zuhause bieten, mit ihm Arbeiten aber an seiner Verzweiflung und seinem Pessimismus knnen sie nichts ndern. Er muss mit ihnen auskommen, denken wir nur Asuka. Nur zwei mal konnen andere Menschen ihn wirklich erreichen: Nachdem er zum ersten mal Nerv verlassen wollte, sagt Misato ihm, dass sie ihn bei sich aufgenommen nicht der Arbeit wegen, sondern um nicht mehr selber allein zu sein. Das wnschen sich auch viele junge Japaner(innen): Freundschaft nicht nur als geforderte Zwangsgemeinschaft, sondern eben als Freunde. Als es nach Asukas Einzug bei Misato zu einer ausgelassenen Feier kommt, fhlt er sich zum ersten mal unter Menschen wohl. Das wrden viele junge Japaner(innen) auch gerne. In ihrem von Schule, lernen und Nachhilfe-Frderschulen geprgtem Leben ohne nennenswerte Freizeit wrden sie sich gerne mal einfach gehen lassen, herumalbern und Bldsinn treiben. In Japan gilt dieses als verpnt. Disziplin, Unterordnung und Anstand sind traditionell die wichtigsten japanischen Tugenden. Wenn sich Kinder und Jugendliche, auch junge Erwachsene gehen lassen, werden sie ermahnt und noch strenger erzogen.
Shinji wei davon, als er die Feier rckblickend betrachtet. Aber etwas, das Spa macht, hlt nicht lange an. Bald wird wohl wieder Kummer kommen, dachte ich tief in meinem Herzen". Damit spricht er auch vielen (schulpflichtigen) Japaner(innen) aus dem Herzen, die nach viel zu kurzer Freizeit (Sonntags, wenn nicht grade fr Prfungen gelernt wird) wieder vom allzu hartem Alltag erfasst werden.
Ein schwieriges Thema in Japan ist die Bewertung von Erfolg und dafr zu loben. Shinji muss das erleben: Engel zu besiegen reicht nicht. Bei der Ausfhrung der Arbeit sind strickt die Anweisungen ber die Art der Ausfhrung zu beachten, Flei, Disziplin und die unbedingte Eingliederung in die Hierarchie. Kling nach Militr, ist es auch. Viele kritisch denkende Menschen in Japan bemngeln mittlerweile Schulen aber auch Unternehmen als Erziehungslager. Vorne sitzen die Besten, hinten die schlechteren. Und ganz vorne sitzt der Meister. Die Besseren haben Privilegien, die schlechteren nicht, dazu immer wieder der Gruppenzwang. In Japan gilt es z.B. als selbstverstndlich, dass Angestellte erst Feierabend haben, wenn der Chef gegangen ist.
Dabei bleibt eines vllig auf der Strecke: Individuelle Erfolgserlebnisse und Anerkennung dafr. Einzelleistung wird nur mit ffentlich zugnglichen (!) Schulzeugnissen und Arbeitsberichten und eventuell mit einem Sitzplatz weiter vorne bewertet. Mit Leistung verbessern Japaner(innen) also ihre Stellung in der (erzwungenen) Gruppe, aber sie erhalten oft kein persnliches Lob, kein gut gemacht" oder simplen Dank.
Darunter leidet Shinji sehr, wie auch viele Japaner(innen). Er bricht sogar in Trnen aus, als ihn Misato nach seinem erstem Kampf lobt. Als er weggelaufen ist und in Kensukes Camp landet, welcher ihn sogar beneidet m seinen Job als Eva-Pilot, sieht man ihn eines der wenigen Male lcheln. Japaner(innen) knnen dies sicherlich gut nachvollziehen.
Nach Annerkennung streben ist traditionell verpnt, nach der Samurai-Tradition ist Unterordnung und Anpassung das Wichtigste, wonach Japaner(innen) zu streben haben. Hier wird Evangelion durchaus gesellschaftskritisch. Shinji erkennt, dass Anpassung nicht alles sein kann. Als er mit Rei kurz vor dem Kampf gegen Engel Ramiel zusammen sitz, sagt er: Alles war mir zuwider, ich war schlapp, gleichgltig und tat so, als sei ich ein unkomplizierter, lieber Junge. Ich habe frher nur so getan, als ob ich lebte." Leben ist halt noch mehr als nur Anpassung, dies wird auch in Japan zunehmend erkannt, denn nur Faktenwissen und Unterordnung machen noch keinen erfolgreichen Menschen aus. Der Mensch muss seine Kraft der Kreativitt nutzen und selbstndig denken, um zu berleben, das haben schon viele, nicht nur Philosophen, erkannt.
Shinji hat damit seine Probleme, er hat dies schlielich nicht gelernt, und das ist auch der Vorwurf japanischer Philosophen und Uniprofessoren, aber auch zunehmend Firmenbossen an das Ausbildungssystem. Ryoji sagt zu Shinji: Sieh mir deinen eigenen Augen. Denke aus eigenem Willen! Das ist deine wichtigste Aufgabe." Shinji darauf: Nein. Auch wenn er es sagt, ich kann es nicht. Ich habe noch nie so gelebt." Viele Japaner(innen), welche mit der traditionellen Ausbildungsweise erzogen wurden, knnten dies wohl auch nicht. Sie knnen im Beruf nicht selbstndig denken. Wenn sie von der Schule/Uni ins Berufsleben starten, fhlen sie vielleicht so wie Shinji.
Schlusswort
Ob man Evangelion, speziell Shinji, nun als Beispiel fr eine Gesellschaftsbeschreibung oder gar Gesellschaftskritik nehmen will, bleibt einem selbst berlassen. Ich habe Punkte gefunden und ich halte diese fr Aussagekrftig, aber das kann jeder fr sich selbst entscheiden. Schlielich ist Evangelion fr vielerlei Interpretation brauchbar, aber vielleicht ist mein Erklrungsansatz auch eine Erklrung (von vielen), warum Evangelion so derartig beliebt ist.
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