|
Ein Essay von Arael
Wenn man Evangelion das erste Mal gelesen oder gesehen hat mag man sich denken, dass Gendo genau so ein machtbesessener Möchtegern-Weltherrscher ist wie all die Typen von Seele. Seine Frau, Yui, hat er nur geheiratet, weil er ihr Wissen brauchte, so liest man im Manga Nr.8. Nr.5 beschreibt, dass Gendo nach Yuis Tod alle Fotos von ihr weggeschmissen hat und ihr Grab nur ein Fake ist. Seinen Sohn Shinji weißt er selbst am Ort der Trauer hart ab, überhaupt redet er nicht mit ihm, fordert ihn aber auf im Eva zu kämpfen, und wenn Shinji nicht will, muss er sich den Vorwurf eines Feiglings anhören. Im Manga Nr.7 stempelt Gendo seinen eigenen Sohn sogar als Verbrecher ab, da dieser nicht gegen den von einem Engel gekaperten Eva kämpfen wollte, da sein Freund Toji drin saß. Was für ein Rabenvater, mag man denken.
Gendo redet nie über das, was wirklich hinter Nerv und Seele steckt, selbst seinen engsten Vertrauten, Fuyutsuki und Ritsuko, scheint er nicht alle Details erzählt zu haben. Oberflächlich erinnert Gendo an einen Bösewicht aus James-Bond-Filmen, machthungrig, nicht zu belehren und eine Gefahr für die Welt. Nun sind wir hier bei Evangelion, und Eva wäre nicht Eva, wenn nicht mehr dahinter stecken würde. Ist Gendo am Ende der Retter der Welt, der bei Nerv nur so tut als ob? Die Frage ist nicht klar zu beantworten. Ich möchte dennoch Gendo mal in einem etwas anderem Licht erscheinen lassen. Dazu muss ich sagen, dass dies schwierig ist, denn wir wissen über Gendo nur wenig, eben weil er nicht über seine Ziele spricht. Außerdem werden in Eva nie das <Human Instrumentality Project>, der <Plan Adam> oder Seeles Ziele klar definiert, man bekommt im Laufe der Geschichte zwar immer mehr einen Eindruck, was das sein könnte, aber genau wird nie etwas drüber gesagt. So bleibt es bei Hinweisen und Vermutungen, manchmal nur aufgrund kleiner Details. Das Ergebnis meines Essays ist also nicht die Feststellung <So ist Gendo>, sondern <so könnten eventuell seine Beweggründe sein>.
Es wird im Laufe von Eva deutlich, dass Gendo andere Ziele hat als Seele. Als Fuyutsuki durch Seele entführt wird, beschreibt der Manga Nr.8, dass dies geschah, da Nerv offensichtlich mächtiger geworden ist, als das Seele zulassen will, außerdem bezeichnet Gendo Seele als <die Alten>, eine nicht grade nette Bezeichnung. Im nächsten Moment scheint Gendo wieder voll auf Seele-Kurs zu sein. Wie kann das? Ist das nicht ein Widerspruch? Meine Erklärung ist, dass Gendo eigentlich nicht wirklich eigene, andere Ziele als Seele verfolgt, z.B. die Weltherrschaft alleine zu erhalten. Die Erklärung dazu ist etwas kompliziert.
Seele plant den <Death and Rebirth>, also die völlige Vernichtung der Welt mit anschließender Neuerschaffung, das wissen wir. Nerv ist das ausführende Organ, mit Gendo an der Spitze. In End of Evangelion sagt Gendo zu Seele <Your death creates nothing>, also euer <Tod>, gemeint ist der <Death and Rebirth> Plan, erschafft nichts, sondern, so könnte man den Satz vervollständigen, zerstört nur. Gendo glaubt nicht an den Erfolg des Plans. Doch Gendo weiß genau, dass dieser Plan, die Prophezeiung, schon längst im Gange ist, man kann sie nicht mehr stoppen. Die Prophezeiung wurde mit dem Second Impact gestartet. Alles andere, die Engel, Nerv und die Evas sind nur Produkte dieser. Die Prophezeiung läuft automatisch, unaufhaltsam weiter und auch Gendo ist nur ein Rad im Getriebe. Ich kann nicht sagen, wann Gendo zu dieser Einsicht gekommen ist. Vielleicht hat er sie immer schon gehabt, vielleicht ist sie ihm nach Yuis Tod gekommen. Jedenfalls eines weiß er sicher: Das von Seele erhoffte Ergebnis wird nicht eintreten.
Wie aber Seeles Plan vereiteln? Die Prophezeiung läuft und kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Auflehnen oder abhauen bringt nichts, denn dann würde ein anderer die Führung übernehmen, der Seele treu ist. Es ist aber noch viel mehr als das. Misato hat Shinji einmal angeschrieen, er solle seine Aufgabe ernst nehmen. Sein Körper gehöre nicht mehr ihm. Selbiges gilt im noch weit größerem Maße für Gendo. Er kann nicht abhauen, selbst wenn er es versuchen würde. Gendo ist Nerv und Nerv ist Gendo. Er ist bereits viel zu tief drin in der Prophezeiung als dass er sich ihr noch entziehen könnte. Er selbst gehört zu Seele als einer der wenigen, die alle Geheimnisse kennen. Er war beim second impact mit dabei, damit war er selbst am Start der Prophezeiung mitbeteiligt und weiß alles über sie. Deshalb kann Seele nicht auf ihn verzichten, damit hat Gendo aber auch Macht. Die will er gegen Seele nutzen, davon bin ich überzeugt. Aber da die Prophezeiung nun mal läuft, kann er das nicht so einfach. Denn diese kann man nicht einfach mit einem Schalter abschalten. Den berühmten roten Knopf gibt es nicht. Gendo muss auf den richtigen Zeitpunkt warten. Dazu ist es wichtig, dass bis dahin keine Störungen im Ablauf auftreten, sondern sich alle im Rahmen der Prophezeiung so wie geplant verhalten, damit man den einen Zeitpunkt zum Eingreifen vorausberechen kann.
Mit anderen Worten: Die Prophezeiung läuft, das ist Fakt. Es gibt nur einen Zeitpunkt zum eingreifen, der ist an ihrem Ende, nachdem der letzte Engel besiegt ist. Bis dahin muss man akzeptieren, dass es nun mal so ist, wie es ist. Das heißt eiserne Disziplin, um erstens den Ablauf der Prophezeiung nicht zu stören um sie berechnen zu können, und zweitens sich auf die einzige Chance vorbereiten, die man hat, um etwas zu ändern. Gendo scheint irgendwann bemerkt zu haben, dass es dazu notwendig ist, Menschen als Werkzeuge zu betrachten, als Rädchen im Getriebe. Nichts anderes tut die Prophezeiung auch. Wenn Gendo schweigsam wie immer daher kommt, so liegt es daran, dass er sich Gefühle nicht erlauben kann, egal wie er eigentlich die Situation findet. Er hat gelernt seine Gefühle abzuschalten, denn er weiß genau: Wenn er nicht den Job macht und Nerv auf die einzige Chance zum eingreifen in die Prophezeiung vorbereitet, dann kann ihn niemand anders tun, da kein anderer das Wissen dazu hat. Dann würden alle verlieren, die Welt vernichtet.
Ein Mann, der sich zum Wohle aller selbst aufgegeben hat, denn es gibt nur ihn? Ich hab mal gelesen, Gendo würde sogar davon überzeugt sein, dass nach der Prophezeiung eine Welt ohne Waffen und Evas aufgebaut werden müsse, in der Menschen wie sein Sohn, die an den Frieden glauben, wichtig sind. Was auch immer Gendo von der Zukunft glaubt, so weiß er genau, dass er nicht an ihr teilhaben wird. Selbst wenn der third impact verhindert und Seele entmachtet würde, so würden entweder diese an ihm Rache nehmen oder er von einer zukünftigen, nicht Seele-gesteuerten Regierung als Kommandant von Nerv und damit von Seele zur Rechenschaft gezogen werden. Fakt ist: Gendo hat keine Zukunft, das weiß er, er kann aber auch nicht weglaufen. Er kann eigentlich nur vorwärts gehen, solange es noch geht, das tun, was zu tun ist, Nerv kommandieren, gegen Engel kämpfen und sich auf den einen Tag vorbereiten. Man könnte sagen, das sei der Tag des jüngsten Gerichts, an dem sich entscheidet, ob die Menschen die Hölle abwenden können oder die falsch gedeutete Prophezeiung ihre Erfüllung findet.
Ist Gendo also der Retter der Welt, der Apostel, der zu uns gekommen ist um die Welt zu retten? Man könnte das meinen. Genauso wäre es aber auch möglich, ihn durch eine etwas andere Interpretation als den unbarmherzigen, machtbesessenen Fiesling darzustellen. Ich denke, Gendo hat richtig erkannt, dass die Prophezeiung nur an einem Punkt aufgehalten werden kann. Aber: Gendo war am Second Impact beteiligt, er trägt eine Mitschuld an dem Start der Prophezeiung. Auch wenn er jetzt seinen Fehler bereuen mag, so traut er sich nur selbst zu, diesen wieder gut zu machen. Von öffentlicher Aufklärung hält er nichts, Menschen sind Feiglinge für ihn.
Ich mag Gendo nicht als den Apostel sehen, der zu uns gekommen ist, um uns zu schützen. Dazu ekelt mich dieser Charakter zu sehr an. Dennoch hat er als einziger aus der Seele-Runde den fatalen Irrtum über den Ausgang der Prophezeiung erkannt. Seele wird er nicht überzeugen können, das ist klar, und Seele kontrolliert alles, von Politik über Wirtschaft bis hin zur Presse. Seele ist also so tief in der Welt verwurzelt, dass auch ein öffentlicher Appell jetzt wie vor Jahren nichts genutzt hätte. Niemand hätte ihm geglaubt, denn niemand hätte ihn hören können. Hätte sich Gendo selbst geopfert, um auf Seele aufmerksam zu machen, hätte das absolut nichts gebracht. Man kann Seele nicht entmachten, denn Seele ist überall. Also tut Gendo doch das einzig Richtige, so tun als ob und dabei seine Freiheiten infolge seiner Macht nutzen und insgeheim die Gegenmaßnahmen planen ohne etwas zu verraten?
Die Antwort muss wohl jeder für sich selber finden, aber darum geht es bekanntlich bei Evangelion. Und wer Gendo als Fiesling abtun will, der findet sicherlich Gründe dafür, aber ich denke, man sollte ihn nicht gleich zu sehr niedermachen. Das persönliche Urteil über ihn hängt davon ab, ob man die Motive für sein Handeln verstehen mag oder nicht. Und sowohl ja wie auch nein haben irgendwo ihre Berechtigung.
|